Die Finanzwelt verstehen #4: Eigenkapital der Banken – die Rückkehr eines Mythos

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Diskussionen über das Eigenkapital der Banken sind wieder in Mode gekommen. In diesem Themendossier, dem vierten unserer Reihe „Die Finanzwelt verstehen“, erfahren Sie alles Wichtige zum Thema Eigenkapital und warum einige der Vorschriften so kontrovers diskutiert werden. Im ersten Teil erklären wir, warum Banken Eigenkapital brauchen, welche Vorschriften derzeit bestehen und warum Banker lieber mit weniger Eigenkapital arbeiten, als es für die Gesellschaft gut ist. Im zweiten Teil erläutern wir, worum es bei den heiß geführten Diskussionen geht: Über wie viel Eigenkapital sollten Banken verfügen, welche Auswirkungen hat das auf die Realwirtschaft und welche Argumente bringt die Bankenlobby für eine niedrigere Eigenkapitalquote vor?

Unzureichendes Eigenkapital der Banken war einer der Hauptgründe für die Finanzkrise: Da die kapitalschwachen Banken ihre Verluste nicht selbst auffangen konnten, wurden staatliche Bankenrettungen nötig. Seitdem haben die Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden die Untergrenzen zwar geringfügig erhöht, zumindest im Vergleich zu den extrem niedrigen Anforderungen, die vor der Krise galten. Heute jedoch setzen viele Banken wieder alle Hebel in Bewegung, um diese Eigenkapitalvorschriften erneut zu schwächen. Überraschenderweise zeigen sich die Regulierer diesem Vorschlag gegenüber offen und lassen zahlreiche Gesetze nochmals auf den Prüfstand stellen.

Im Jahr 2011 ließen die Finanzaufseher noch Folgendes verlauten:

Rückblickend sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es ein großer Fehler war, Banken mit viel weniger Eigenkapital als früher üblich zu tolerieren.Bericht der Bank of England (Hervorhebungen von Finance Watch, ebenso in folgenden Zitaten)

Im Jahr 2015 hieß es dann:

Die Eigenkapitalverordnung und -richtlinie haben die Widerstandsfähigkeit, die Stabilität sowie das Vertrauen in den europäischen Bankensektor wiederhergestellt… – allerdings muss man sich die Frage stellen, ob diese Vorschriften nicht unbeabsichtigte Folgen zeitigen.Pressemitteilung der Europäischen Kommission

Schwingt das “regulatorische Pendel” zurück?

 

Teil 1 – Grundlagen 1

 

Teil 2 – Die Debatte 

 

Teil 1 - Die Grundlagen

Warum sollte mich das als Bürger/in interessieren?

Das Eigenkapital der Banken schützt die Bürger/innen vor einer Bankenkrise. Die Weltfinanzkrise hat auf drastische Weise gezeigt, wie kapitalschwache „systemrelevante“ Banken die Stabilität der Wirtschaft und des Finanzsystems gefährden. Als das Finanzsystem während der Finanzkrise von 2008 fast zum Stillstand kam, geschah das vor allem aus der Angst, dass die Banken nicht über genügend Eigenkapital verfügten, um Verluste aufzufangen, und daher in die Insolvenz schlittern könnten. Die Liquidität schwand, eine Refinanzierung über die Finanzmärkte war kaum mehr möglich. In der Verzweiflung wurden Vermögenswerte zu Schleuderpreisen feilgeboten, woraufhin sich die Verluste der Banken nur noch weiter erhöhten und eine Welle der Panik das gesamte Finanzsystem erfasste. Es folgte eine große Wirtschaftskrise, bei der Millionen Menschen ihre Arbeit verloren.

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Doch selbst in ruhigen Zeiten lauert überall die Angst vor der Instabilität des Finanzsystems. Das oben abgebildete US-Boulevardblatt „Weekly World News“ vom 20. August 2002 ist ziemlich alarmierend. In allen bisherigen Bankenkrisen – und davon gab es rund dreißig seit 1985 – ist das Eigenkapital der Banken der Schutzwall, der die Bürger vor riesigen finanziellen Verlusten bewahrt.

(Bild: © Clif Droke / Copy of the August 20, 2002 edition of the supermarket tabloid known as the Weekly World News)

Weshalb es zu einer so gravierenden Weltfinanzkrise kam, erklärt der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (kurz Basler Ausschuss), der Richtlinien und Empfehlungen für international einheitliche Standards in der Bankenaufsicht ausarbeitet, wie folgt (Bitte beachten: Der Begriff ‚übermäßige Fremdfinanzierung‘ bedeutet nichts anderes als zu eine niedrige Eigenkapital- bzw. zu hohe Verschuldungsquote):

Eine der Hauptursachen für die Schwere der Finanz- und Wirtschaftskrise ist im Aufbau übermäßiger Fremdfinanzierung im Bankensystem vieler Länder zu suchen. Hinzu kam eine allmähliche Verschlechterung in Bezug auf die Höhe und Qualität der Eigenkapitalbasis.“ (BCBS 2010, Seite 1).

Die öffentlichen Bankenrettungen und gesamtwirtschaftliche Abschwächung in Folge der Finanzkrise haben die europäischen Steuerzahler rund 2,4 Billionen Euro gekosten (Quelle: Citizens’ Dashboard of Finance). Für jeden Haushalt in Europa macht das etwa 11.000 Euro. Doch weitaus schlimmere Auswirkungen hat die hohe Zahl an Arbeitsplatzverlusten in vielen Sektoren und Ländern der EU.

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(Abbildung 1: © Liberty Street Economics Blog)

Aus Sicht der Bürger/innen macht es daher großen Sinn, dass Banken sich vermehrt über Eigen- statt über Fremdkapital finanzieren. Und das hätte noch einen weiteren Vorteil: Mehr Eigenkapital erleichtert den Banken die Kreditvergabe. Laut Europäischer Zentralbank (EZB) werden die Fortschritte seit der Finanzkrise im Bereich der Eigenkapitalanforderungen auch der Wirtschaft zu Gute kommen:

Die im Vergleich zum Vorkrisenniveau deutliche Erhöhung des Eigenkapitals sollte zu einem gesünderen und widerstandsfähigeren Bankensystem beitragen. Dies wiederum sollte dem Finanzsektor dabei helfen, das Wirtschaftswachstum während des gesamten Konjunkturzyklusses anzukurbeln.“ (Financial Stability Review, November 2015)

 

Was genau ist das Eigenkapital einer Bank?

Das Eigenkapital stellt eine von vielen Finanzierungsmöglichkeiten für Banken dar. Daneben gibt es auch Spareinlagen und andere Finanzierungsquellen wie der Verkauf von Anleihen an Investoren auf den Kapitalmärkten. Im Bankenwesen besteht das „Kapital“ hauptsächlich aus dem Eigenkapital und den Gewinnrücklagen. Im Gegensatz zur Fremdkapitalfinanzierung kann das Eigenkapital problemlos Verluste auffangen und trägt somit zum Schutz vor einer Insolvenz bei. Eine kapitalschwache Bank geht dagegen schnell Pleite, wenn sie große Verluste erleidet.

Achtung: Das Eigenkapital einer Bank ist ein Finanzierungsmittel und auf keinen Fall mit den „Reserven“ oder „Rücklagen“ einer Bank zu verwechseln (mehr zu dieser weit verbreiteten Konfusion erfahren Sie im zweiten Teil, „Sprachverwirrung: Kapital wird nicht 'beiseitegelegt', es nützt der Wirtschaft“).

Im folgenden Teil wird anhand einer Bankbilanz gezeigt, weshalb Eigenkapital so wichtig ist.

Wie Banken sich finanzieren

Die meisten Leute würden wohl erwarten, daß Kredite, wie bei anderen Unternehmen auch, auf der rechten Seite der Bankbilanz stehen. Bei einer Bank stehen die an ihre Kunden ausgereichten Kredite jedoch auf der linken Seite der Bilanz. Schließlich kann die Bank gegenüber dem Kreditnehmer, der Zinsen und Tilgungen zahlt, eine Kreditforderung geltend machen. Je mehr Kredite eine Bank vergibt, umso mehr Vermögenswerte besitzt sie und umso mehr Gewinne kann sie machen. Daneben verfügen Banken noch über andere Arten von Vermögenswerten, und zusammen füllen sie die Aktivseite einer Bankbilanz aus, siehe linke Spalte in der Abbildung 2 weiter unten.

Wie diese Vermögenswerte finanziert werden, wird in der rechten Spalte ersichtlich. Banken finanzieren sich über verschiedene Quellen, zum Beispiel über die Einlagen ihrer Kunden, über den Verkauf von Anleihen an Investoren oder indem sie sich von anderen Banken Geld leihen (z.B. am sogenannten Interbankenmarkt und/oder dem „Overnight-Repo-Markt“), um sich zu refinanzieren. All diese Investoren und Einleger können ihr Geld von der Bank zurückverlangen und erhalten darüber hinaus meistens auch eine Art Verzinsung von der Bank. Daher stehen diese Finanzierungsquellen einer Bank auf der Passivseite ihrer Bilanz.

Kapital ist eine dieser Finanzierungsquellen. Es besteht größtenteils aus Eigenkapital und nicht ausgeschütteten Gewinnen. Beim Eigenkapital einer Bank handelt es sich um Geld, dass von den Aktionären bereitgestellt wurde, als die Bank gegründet wurde oder sie sich frisches Kapital beschaffte. Da Eigenkapital also eine Forderung von den Aktionären einer Bank darstellt, steht es ebenfalls auf der Passivseite. Eine vereinfacht dargestellte Bankbilanz einer zahlungsfähigen Bank sieht in etwa so aus:

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(Abbildung 2: © Finance Watch)

Um zu verstehen, warum Eigenkapital so wichtig ist, hilft es sich zu veranschaulichen, was passiert, wenn eine Bank große Verluste schreibt. Die Aktiv- muss immer die Passivseite einer Bankbilanz ausgleichen, ansonsten geht die Bank insolvent und muss ihre Geschäftstätigkeit einstellen. Bei einer solventen Bank sind Aktiv- und Passivseite gleich groß. Falls jedoch einige der Bankdarlehen ausfallen, dann muss die Bank eine Wertberichtigung ihrer Vermögenswerte vornehmen – die linke Spalte wird kleiner. Um Aktiv- und Passivseite im Gleichgewicht zu halten, muss die Bank daraufhin auch auf der Passivseite einige Verbindlichkeiten in ihrem Wert berichtigen – sodass die rechte Spalte sich um den gleichen Wert verkleinert. Die Inhaber von Bankaktien sind die ersten, die Verluste auffangen müssen. Wenn also eine Bank genug Eigenkapital zum Auffangen der Verluste hat, dann schreibt sie einfach nur solange ihr Eigenkapital und die nicht ausgeschütteten Gewinne ab, bis die Verluste vollständig aufgefangen und beide Seiten der Bankbilanz wieder ausgeglichen sind.

In der unten stehenden Abbildung 3 wird die Bilanz einer Bank gezeigt, die zunächst (1) über eine ausreichende Menge an Eigenkapital verfügt. Dann muss sie einen großen Verlust bei ihren Vermögenswerten hinnehmen (2), zum Beispiel im Zuge ausfallender Rückzahlungen nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes oder nach einer Zinsanhebung. Daraufhin schreibt sie einige Vermögenswerte auf der Aktivseite ab (3). Um die Verluste aufzufangen, muss sie gleichzeitig die Passivseite um den gleichen Betrag verringern. Am Ende wird die Bank ihr gesamtes Eigenkapital aufgebraucht haben, ist aber immer noch zahlungsfähig. Das bedeutet, sie kann ihre Geschäftstätigkeit fortführen und sich darauf konzentrieren, neues Eigenkapital zur Absicherung gegen künftige Verluste aufzubauen.

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(Abbildung 3: Banken mit ausreichend Eigenkapital - © Finance Watch)

Verfügt die Bank allerdings über zu wenig Eigenkapital, wäre die Geschichte anders ausgegangen. In der Abbildung 4 sehen Sie eine Bank, die noch höhere Verluste zu verbuchen hat. Da die Verluste größer sind als das vorhandene Eigenkapital, wird das Eigenkapital zwar vollständig aufgebraucht, jedoch sind die Verluste damit noch nicht vollständig aufgefangen. Die Passivseite ist nun größer als die Aktivseite, somit ist die Bank insolvent und muss ihre Geschäftstätigkeit einstellen. Die Bank muss nun andere Verbindlichkeiten abschreiben, um die übrigen Verluste aufzufangen, d.h. sie muss ihren Gläubigern mitteilen, dass sie nicht ihr gesamtes Geld wiedersehen werden. Das gilt auch für die Einleger und andere Banken, von denen sie Geld geliehen hat.

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(Abbildung 4: Banken mit zu wenig Eigenkapital - © Finance Watch)

Das ist der Moment, in dem es gefährlich werden kann und es zu einem Bank Run oder gar zu einer Krise des gesamten Bankensystems kommen kann (NB: Einlagen sind bis maximal 100.000 € pro Person geschützt, um Panikreaktionen vorzubeugen). Bei „systemrelevanten“ Banken (jene Banken, die dermaßen eng vernetzt, komplex und groß sind, dass ihre Pleite das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen könnte) sind Regierungen eher geneigt, das Geld der Steuerzahler für eine Bankenrettung zu nutzen, damit sich keine Panik ausbreitet. Das mussten wir in der letzten Weltfinanzkrise erleben.

Ob eine Bank also nach großen Verlusten Pleite geht oder nicht, hängt von der Höhe ihres Eigenkapitals ab. Für eine Bank mit hoher Fremdfinanzierung, die dementsprechend über sehr wenig Eigenkapital verfügt, kann bereits ein kleiner Wertverlust bei den Aktiva ihr geringes Eigenkapital aufbrauchen und sie in Not und Insolvenz bringen. Vor der Finanzkrise verfügten einige Banken über eine Eigenkapitalquote von gerade einmal 1,5%! Aus diesem Grund besteht eines der vorrangigen Ziele neuerlicher Finanzreformen darin, dass Banken sich vermehrt über Eigenkapital finanzieren.

 

Welche Eigenkapitalvorschriften gelten heute?

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Eigenkapitalvorschriften sind sehr kompliziert geworden
(© Sarah-Jane Edis / RetroClipArt/Shutterstock.com/RBA)

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Seit 1988 sind die Eigenkapitalkapitalvorschriften im Wesentlichen durch die “Basler Abkommen” geprägt worden, die von einem internationalen Gremium von Bankenaufsehern, dem Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (auf Engl. Basel Committee on Banking Supervision, kurz BCBS) im schweizerischen Basel beschlossen wurden.

(Bild links: Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die auch den Basler Ausschuss beherbergt © BIZ)

Die vom Ausschuss erarbeiteten Mindeststandards, die von den meisten Industrieländern angenommen wurden, legen fest, wie viel Eigenkapital die Banken im Verhältnis zu ihren Vermögenswerten vorhalten müssen. Das dritte Basler Abkommen (Basel III) sieht vor, dass das Eigenkapital der Banken sich auf mindestens 8% ihrer risikogewichteten Aktiven belaufen sowie diverse weitere Eigenkapitalpolster/-anforderungen erfüllen muss. Insgesamt kann das für die „systemrelevantesten“ unter den Banken bedeuten, dass sie im Jahre 2019, wenn alle Vorschriften vollständig umgesetzt wurden, eine Eigenkapitalquote von 13% erfüllen müssen.

Aber das Ganze hat einen Haken: Diese Quote wird nicht auf alle Vermögenswerte einer Bank angewendet, wie man vielleicht vermuten würde, sondern nur auf die „risikogewichteten Aktiva“. Das Risiko ihrer Aktiva bewertet die Bank anhand von statistischen Rechenmodellen selbst, meistens beträgt der risikogewichtete Wert jedoch gerade einmal ein Drittel oder die Hälfte der ungewichteten Bilanzsumme.

Um Banken davon abzuhalten, sich mit der Risikogewichtung zu weit von der eigentlichen Gesamtsumme ihrer Aktiva zu entfernen, sieht Basel III darüber hinaus eine maximale „Verschuldungsquote“ (auf Engl. leverage ratio) vor. Diese Obergrenze für die Finanzierung über Fremdkapital ist wesentlich einfacher zu berechnen, da hier das Eigenkapital ins Verhältnis zur Bilanzsumme gesetzt wird, und zwar ohne Risikogewichtung. Die EU wird im Laufe des Jahres 2016 vielleicht eine Verschuldungsquote von etwa 3% vorschlagen.

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Angenommen die Verschuldungsquote wird tatsächlich in dieser Höhe eingeführt und nicht wieder im Laufe der Verhandlungen abgeschwächt, dann würde dies bedeuten, dass Banken in der EU sich künftig höchstens das 33-fache ihres Eigenkapitals an Fremdkapital leihen dürfen. Reicht das aus? Die Antwort darauf finden Sie im zweiten Teil „Über wie viel Eigenkapital sollten Banken verfügen?“.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, was sich die EU bei ihren Eigenkapitalvorschriften gedacht hat, lesen sie die leicht verständliche Einführung „Basel 3 in 5 Fragen“.

 



BOX: Wenn Banken Geld schöpfen können, warum nicht auch Eigenkapital?

Einige Menschen wundern sich darüber, dass Banken zwar Geld schöpfen können, wenn sie Kredite vergeben, nicht aber ihr Eigenkapital. In der Tat werden bei der Kreditvergabe gleichzeitig neue Einlagen geschaffen. Auf diese Art entsteht fast das gesamte in Umlauf befindliche Geld (siehe Video weiter unten). Im Rechnungswesen gleichen sich ein neues Darlehen (Aktivposten) und eine neue Einlage (Passivseite) auf einer Bankbilanz aus, d.h. zunächst finanziert sich der Kredit selbst. Wenn jedoch der Kreditnehmer sein Geld ausgibt, dann zieht er möglicherweise Geld aus ihrer Bank ab und überweist es auf die Bank einer anderen Person. In diesem Fall steht die erste Bank mit dem Vermögenswert (Kredit) da, hat aber auf der Passivseite nichts mehr, um ihn gegen zu finanzieren. So muss sie andere Einlagen finden oder sich selbst auf dem Interbankenmarkt oder von Zentralbanken Geld leihen.

Dies ist einer der Gründe, warum Banken, die zu schnell wachsen, am Ende mit einer zu hohen Verschuldungsquote dastehen können. So lässt sich auch erklären, warum Banken einerseits zwar insgesamt die größten Geldgeber für die Wirtschaft sind, andererseits jedoch immer noch Mittel für die Eigenfinanzierung brauchen. Wenn Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, finden Sie hier eine gute Erklärung auf Englisch „How banks create money“.

Video (1’40”) mit Dirk Bezemer, außerordentlicher Professor an der Universität Groningen in den Niederlanden, und Michael Kumhof, ehemaliger IWF-Volkswirt und inzwischen Head of Research bei der Bank of England, erklären den Geldschöpfungsprozess


 

Warum haben die meisten Banken lieber wenig Eigenkapital?

Für Banken gibt es mehrere Gründe, warum sie lieber mit einer hohen Verschuldungsquote bzw. wenig Eigenkapital arbeiten. 

Da sind zunächst einmal die Gehälter der Banker. Für die Berechnung der Rentabilität einer Bank verwendet man in der Regel ihre Eigenkapitalrendite, die wiederum meistens auch hergenommen wird, um die Gehälter der Banker zu berechnen. Zu diesem Zweck werden die Gewinne einer Bank durch ihr Eigenkapital geteilt. Die Eigenkapitalrendite kann also verbessert werden, indem man entweder die Gewinne steigert oder das Eigenkapital senkt – oder beides auf einmal. Weniger Eigenkapital bedeutet also automatisch eine höhere Eigenkapitalrendite, selbst bei gleichbleibenden Gewinnen. Bankmanager haben also einen starken Anreiz, am Eigenkapital zu sparen, wo es nur geht.

Dieser Versuchung scheint fast unwiderstehlich zu sein – vergleichen Sie selbst einmal diese beiden Abbildungen: Die erste zeigt, wie rasant die Verschuldungsquote der Banken in den vier Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise angestiegen ist (ab 2004, dem Jahr, als durch Basel II die Standards zur Risikogewichtung ausgeweitet wurden, dazu später mehr). In der anderen Abbildung sehen Sie, wie sich die Bankerboni im Verhältnis zu anderen im Finanzsektor tätigen Berufsgruppen über den gleichen Zeitraum hinweg entwickelt haben. Beide wachsen im Vorfeld der Finanzkrise in einem rasanten Tempo an (wenngleich die Boni nach Ausbruch der Krise schnell wieder sanken). 

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(Abbildung 5: Verschuldungsgrad: Verhältnis von Eigenkapital zur ungewichteten Bilanzsumme - © IMF)

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(Abbildung 6: Entwicklung der Bonuszahlungen im Vereinigten Königreich - © Bank of England, ONS)

 

Ein weiterer Grund ist darin zu suchen, dass einige Investoren, welche Bankschulden zum Beispiel in der Form von Bankanleihen kaufen, davon ausgehen, dass Großbanken vom Staat gerettet werden, sobald sie in Schwierigkeiten geraten. Diese „implizite Staatsgarantie“ wirkt somit wie eine indirekte Subvention großer Banken, da sie sich viel günstiger refinanzieren können, als es angemessen wäre. Vielmehr ermutigt es Banken dazu, so viel Schulden wie möglich aufzunehmen, statt sich über das vergleichsweise teure Eigenkapital zu finanzieren. 

Drittens gibt es für eine höhere Fremdkapitalquote einen Steuervorteil, da Zinsen für Fremdkapital von der Steuer abziehbar sind, was für Eigenkapitalzinsen nicht der Fall ist. Das Steuersystem legt somit ebenfalls Anreize und fördert eine hohe Verschuldungsquote. 

All diese Gründe schaffen starke Anreize für Banken, sich mit ihrer ganzen Lobbypower gegen höhere Eigenkapitalanforderungen und gegen striktere Verschuldungsquoten einzusetzen, und dabei die Kosten für die Gesellschaft, die sich aus ihrer geringen Eigenkapitalbasis ergeben, hinunterzuspielen.

In unserem Finance Watch-Cartoon erfahren Sie mehr über die Lobbystrategie – und selbst wenn er aus dem Jahr 2012 stammt, ist er immer noch aktuell! Hier klicken, um den Cartoon herunterzuladen (PDF, 25 Seiten, 5 Minuten Lesezeit).

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Wie es früher war

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Vor der Deregulierungs- und Liberalisierungswelle des Finanzsektors verfügten Banken über wesentlich mehr Eigenkapital als heute. Viele Banken waren partnerschaftlich organisiert, ihre Manager hatten bereits viele Hochs und Tiefs selbst erlebt und daher bevorzugten Banken automatisch größere Kapitalpuffer. Tatsächlich haben es sich Banker zweimal überlegt, bevor sie ihr Eigenheim bei einer Finanzwette aufs Spiel setzten. 15-20% Eigenkapital oder mehr waren für Banken vor 100 Jahren noch normal. Im Jahr 1840 finanzierten sich US-Banken zu 50% und mehr über ihr Eigenkapital.

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(Abbildung 7: Entwicklung der Eigenkapitalquoten von US-amerikanischen und britischen Banken - © Alessandri & Haldane 2009)

Heute handelt es sich bei den meisten Banken um Aktiengesellschaften und die Bankmanager werden auch dann noch gut bezahlt, wenn die Bank in Schwierigkeiten gerät. In einer Aktiengesellschaft haften die Banker nur mit ihrem Anteil am Eigenkapital der Bank (im Gegensatz zu partnerschaftlich organisierten Privatbanken, bei denen die Partner uneingeschränkt mit all ihren Vermögenswerten hafteten). Kurz gesagt, Banker spekulieren in Aktiengesellschaften nicht mehr länger mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem Geld anderer Leute (auf Engl. „other people’s money“, kurz OPM), sei es dem Geld der Einleger, anderer Schuldner oder ihrer Aktionäre. Für moderne Banken ist es daher eher von Vorteil als von Nachteil, höhere Risiken einzugehen. Im Jahr 2008 zahlte die US-Investmentbank Merrill Lynch beispielweise, die gerade von der Bank of Amerika gerettet worden war, ihren Angestellten Boni in Höhe von 3,6 Milliarden US-Dollar aus, obwohl sie zuvor Verluste von über 27 Milliarden US-Dollar geschrieben hatte. In diesem Fall kann man sagen: „Bei Zahl gewinn ich, bei Kopf verlierst Du“. Dieses Missverhältnis bezeichnet man auch als „Moral Hazard“.

In den letzten Jahrzehnten sind die Eigenkapitalquoten stetig gesunken, auf unter 5% und vor der Finanzkrise in einigen Fällen sogar auf 1,5%.

Seitdem sind sie zwar wieder angestiegen, allerdings arbeiten Banken immer noch mit wesentlich weniger Eigenkapital als gewöhnliche Unternehmen (Nicht-Banken). Im Jahr 2013 wiesen Banken im Schnitt eine Eigenkapitalquote von gerade einmal 3-4% auf, was im krassen Gegensatz zu der Eigenkapitalquote von 50% steht, die für alle anderen börsennotierten Unternehmen normal ist.

 

Teil 2 – Die Debatte

Müssen die Banken seit der Krise nicht über wesentlich mehr Eigenkapital verfügen?

Seit der Finanzkrise haben die Banken ihr Eigenkapital erhöht, um einerseits die neuen Vorschriften und andererseits die gestiegenen Erwartungen ihrer Investoren zu erfüllen. Was verraten uns die Zahlen?

Beginnen wir mit den offiziellen „aufsichtsrechtlichen Eigenmittelerfordernissen“. Es gibt verschiedene Definitionen des regulatorischen Eigenkapitals, je nachdem, welche Anforderungen gestellt werden. In diesem Kapitel sprechen wir jedoch zunächst vom gesamten Eigenkapital (auf Engl. total capital). Die neuen Basel-III-Regeln sehen vor, dass Banken über Eigenkapital in Höhe von mindestens 8% ihrer risikogewichteten Aktiva verfügen müssen. Ab dem 1. Januar 2019 müssen die größten „systemrelevanten“ Banken eine Quote von 11,5 bis zu 13,0% und die meisten anderen Banken eine Quote von 10,5% erfüllen.

Da auch von Seiten der Finanzmärkte der Druck steigt, diese Zielvorgaben möglichst bald schon zu erreichen, haben viele Großbanken sie bereits früher erfüllt. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sprach in ihrem Bericht vom September 2015 davon, dass das Eigenkapital der „systemrelevanten“ Banken am Ende des Jahres 2014 im Durchschnitt 13.1% betrug (geht man davon aus, dass die Vorschriften bereits vollständig eingeführt wurden) und für kleinere Banken sogar ein wenig mehr.

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(Abbildung 8: Prozentuales durchschnittliches regulatorisches Eigenkapital global systemrelevanter Banken im Verhältnis zu ihren risikogewichteten Vermögenswerten, Basel-III-Standards vollständig angewendet - © BIS 2015, graph 5)

Wie in der Abbildung gut zu erkennen ist, haben sich die Eigenkapitalquoten erhöht, sodass viele Banken die neuen Anforderungen bereits heute erfüllen. Arbeit getan, könnte man meinen. Doch die Zahlen trügen! Die Quoten sehen zwar gut aus, doch sie berechnen die Eigenkapitalanforderungen im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiven. Wie sie weiter unten erfahren (siehe BOX: Der Zaubertrick der Risikogewichtung), stellt risikogewichtetes Eigenkapital nämlich nur eine sehr ungenaue Grundlage zur Bemessung der Robustheit einer Bank dar.

Der Grad der Verschuldung gibt darüber wesentlich verlässlicher Auskunft. In der Folge der Finanzkrise fand Andy Haldane, der in der Bank of England für die Finanzstabilität zuständig ist, heraus, dass eine einfache Fremdkapitalquote wesentlich bessere Ergebnisse bei der Vorhersage von Bankpleiten erziele als eine risikobasierte Quote. Eine OECD-Studie kam zu ähnlichen Ergebnissen, und zwar, dass eine nicht-risikogewichtete Verschuldungsquote das Ausfallrisiko wesentlich besser vorhersagt.

Leider hat sich der Verschuldungsgrad nur unwesentlich verbessert seit Beginn der Finanzkrise. Die großen und komplexen Bankengruppen hatten im Schnitt eine Leverage Ratio von 4% im Juni 2015 (EZB):

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(Abbildung 9: "Die tatsächliche Kapitalunterlegung der Banken hat sich kaum verbessert" seit der Finanzkrise (Bericht des Europäischen Parlaments vom Juni 2015) [Single Supervisory Mechanism banks (SSM banks) = Banken, die unter den einheitlichen Aufsichtsmechanismus in Europa fallen; Global Systemically Important Banks (G-SIBs) = global systemrelevante Banken])

Es gab also durchaus ein paar Verbesserungen, aber diese sind nicht im Geringsten so durchschlagend, wie es einige Kennzahlen vermuten lassen. Vor allem ist es falsch zu behaupten, dass die Kapitalbasis nun wesentlich sicherer ist.

 



BOX: Der Zaubertrick der Risikogewichtung

Im ersten Teil (“Welche Eigenkapitalvorschriften gelten heute?”) haben wir gesehen, wie die Risikogewichtung es den Banken ermöglicht, die offizielle Eigenkapitalquote von 8% einzuhalten, obwohl weniger als 3% ihrer ungewichteten Aktiva durch Eigenkapital unterlegt sind. Es handelt sich um ein so schlichtes wie umstrittenes Konzept. 

So funktioniert es: Der Wert jedes einzelnen Aktivpostens wird von der Bank zu aufsichtsrechtlichen Zwecken im Verhältnis zu dem Risiko, das die Bank diesem Aktivposten zuschreibt, gewichtet bzw. korrigiert. Die Eigenkapitalanforderungen werden dann nur auf diese risikogewichteten Zahlen angewendet und nicht auf den tatsächlichen Wert ihrer Aktiva. Hier ein Beispiel:

  • Ein “sicheres” Hypothekendarlehen im Wert von 100.000 Euro würde beispielsweise mit 15% risikogewichtet und sein Wert daraufhin auf 15.000 Euro nach unten korrigiert. Wendet man nun eine Eigenkapitalquote von 8% an, dann müsste dieser Kredit mit 1.200 Euro an Eigenkapital hinterlegt werden (100.000 x 15% x 8%)
  • Ein riskanteres Darlehen von 100.000 Euro an ein Unternehmen mit moderatem Risiko-Rendite-Profil würde beispielsweise mit 50% risikogewichtet und sein Wert daraufhin auf 50.000 Euro nach unten korrigiert, was einer Eigenkapitalhinterlegung von 4.000 Euro entspricht (100.000 x 50% x 8%)

Um diese beiden Darlehen zu finanzieren, muss die Bank also mindestens über 5.200 Euro an Eigenkapital verfügen (1.200 + 4.000). Dies entspricht gerade einmal 2,6% der 200.000 Euro, die von der Bank als Kredite vergeben wurden. Der Zaubertrick der Risikogewichtung ermöglicht es, dass die Bank trotzdem noch die Eigenkapitalquote von 8% erfüllt. Abrakadabra!

Hier erfahren Sie, warum diese Vorgehensweise so umstritten ist: Erstens vermag die Risikogewichtung einen in Wirklichkeit hohen Verschuldungsgrad zu kaschieren (einige sehen hierin den eigentlichen Grund dafür, dass Banken risikobasierte Kapitalvorschriften bevorzugen). So könnte eine Bank enorm viele „sichere“ Vermögenswerte halten, gleichzeitig nur über sehr wenig Eigenkapital verfügen und immer noch die Eigenkapitalanforderungen erfüllen. Im oben aufgeführten Beispiel würde ein Verlust von 2,6% das komplette Eigenkapital aufbrauchen, das die Bank zur Finanzierung der Kredite in Höhe von 200.000 Euro benötigt, obwohl die Bank die 8% Gesamtkapitalquote erfüllt.

Falls vermeintlich sichere Vermögenswerte große Verluste bringen, wenn sich zum Beispiel die Risikomodelle der Banken als falsch erweisen oder ein unerwartetes Ereignis eintritt, dann könnte das geringe Eigenkapital die Bank in die Knie zwingen. Genau dies geschah 2007/08 mit den durch US-Subprime-Hypotheken besicherten Finanzprodukten, die fälschlicherweise Bestnoten von den Ratingagenturen erhielten. Dasselbe könnte sich bei anderen „sicheren“ Wertpapieren erneut ereignen. So liegt die Risikogewichtung von Staatsanleihen aus der Eurozone weiterhin bei 0% (ja, null), d.h. Banken brauchen ihre Engagements in Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital zu unterlegen. Und so erstaunt es nicht, dass die europäischen Banken seit Ausbruch der Finanzkrise den Anteil an Staatsanleihen in ihren Portfolios verdoppelt haben, wie es der Bericht des Europäischen Parlaments von Juni 2015 belegt.

Nach der Finanzkrise haben [große europäische] Banken ihre Investitionen in Staatsanleihen im Verhältnis zu ihren gesamten Vermögenswerten erhöht, weshalb sie den staatlichen Ausfallrisiken verstärkt ausgesetzt sind. Banken werden aufgrund einer unangemessenen Risikogewichtung von 0% dazu ermutigt in Staatsschuldentitel zu investieren.“ Bericht des Europäischen Parlaments von Juni 2015

image-7Banker […] irren sich auf kurz oder lang. Deshalb gibt es ja gerade Eigenkapital. Dieses ist nicht nur zur Absicherung gegen Risiken da, die wir richtig einschätzen zu glauben, sondern auch für jene, die wir nicht richtig einschätzen.

Auszug aus der Rede von Robert Jenkins, ehemals bei der Bank of England, im November 2015

Zweitens besteht die Gefahr der Fehlallokation von Ressourcen, wenn für Banken Anreize bestehen, eher in „sichere“ Werte zu investieren und wirtschaftlichen Risiken lieber aus dem Weg zu gehen, obwohl die Wirtschaft solche „riskanten“ Investitionen zum Wachstum benötigt. Das Beispiel weiter oben veranschaulicht, inwieweit Banken vom Basler System dazu ermutigt werden, mehr Hypotheken- als Unternehmenskredite zu vergeben. Da die meisten Bankenkrisen in Zusammenhang mit Immobilienblasen auftreten, zeigt sich hier deutlich ein Problem.

Drittens dürfen Großbanken ihre Risiken selbst einschätzen, eine Praxis, die Sheila Bair, eine der Schlüsselfiguren auf Seiten der US-Finanzaufsicht während der Finanzkrise, für naiv hält: „Natürlich ist es im Interesse eines Bankers, seine Vermögenswerte als möglichst risikoarm zu bezeichnen, da die Bank so mit einem größeren Hebeleffekt arbeiten und die Eigenkapitalrendite verbessern kann, was wiederum auf höhere Gehälter und Boni hoffen lässt.“

Indem sie sich sozusagen selbst benoten dürfen, haben große Banken einen klaren Vorteil gegenüber kleineren, für die das Entwerfen teurer eigener Risikomodelle zu kostspielig ist. Dies verschlimmert die Problematik der „Too-big-to-fail“-Banken (Banken, die zu groß sind, als dass man sie Pleite gehen lassen könnte) und stellt eine klare Diskriminierung gegenüber kleineren Banken dar. Da letztere sich meist stärker auf die Realwirtschaft konzentrieren, verschlimmert es zudem das Problem der Fehlallokation von Ressourcen.

Adrian Blundell-Wignall, Director of the Financial and Enterprise Affairs Directorate

"Bei der Kernkapitalquote [auch “Tier 1” genannt, ebenfalls eine risikobasierte Eigenkapitalmessgröße, die jedoch enger gefasst ist als der Begriff “Eigenkapital”] handelt es sich um einen Quotienten mit zwei nichtssagenden Ziffern. Die Quote selbst ist auch deshalb nichtssagend, da Banken sie selbst abändern können. Basel III ändert an diesem Zustand rein gar nichts.Adrian Blundell-Wignall, Sonderfinanzberater des OECD-Generalsekretärs für die Finanzmärkte und stellvertretender Leiter der für Finanz- und Wirtschaftsfragen zuständigen OECD-Abteilung

Viertens besteht ein Modellrisiko. Die letzte Finanzkrise hat gezeigt, dass die bankinternen Risikomodelle gute Vorhersagen für vorhersehbare Risiken lieferten, jedoch schlechte für unvorhersehbare. Doch oft sind gerade die Ereignisse, die nur schwer vorherzusehen sind, die verheerendsten. Sich auf diese Modelle zu verlassen, ist in etwa vergleichbar mit dem Tragen von Schwimmwesten, die zwar den letzten TÜV bestanden haben, jedoch bei extremen Wetterbedingungen nicht funktionieren werden.

Inzwischen ist klar, dass in diesen Modelle die Wahrscheinlichkeit von verheerenden Folgeereignissen und das Ausmaß des von ihnen verursachten Schadens erheblich unterschätzt worden waren.Brookings Institution, US-amerikanischer Thinktank

Wenn man sich ausschließlich auf die Risiken der Aktiva konzentriert, verliert man die Tatsache aus den Augen, dass man bei der Einschätzung der Risiken völlig daneben liegen kann.Lloyd Blankfein, Präsident und CEO von Goldman Sachs

Gesetzgeber und Finanzaufseher haben einige dieser genannten Probleme eingestanden und vereinzelt Maßnahmen ergriffen, um sie zu lösen. Im Januar 2016 beispielsweise kündigte der Basler Ausschuss eine Reihe geringfügiger Verbesserungen an, damit Banken künftig das Marktrisiko bei ihrem Handelsgeschäft besser erfassen: So ist unter anderem vorgesehen, für interne Risikomodelle, die von einigen Handelsabteilungen genutzt werden, einen strengeren Abnahmeprozess durch die Finanzaufsicht einzuführen. Außerdem sollen die Risikomodelle vermehrt Extremereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit (auf Engl. tail-risk) in ihre Berechnungen miteinbeziehen. Das Grundkonzept risikogewichteter Eigenkapitalvorschriften bleibt jedoch unangetastet.

Angesichts all dieser Probleme ist es kein Wunder, dass risikobasierte Eigenkapitalanforderungen eine schlechte Erfolgsbilanz aufweisen, wenn es darum geht, künftige Bankpleiten vorherzusagen.

Wollen Sie wissen, wie schlecht sie darin waren? Die Investmentbank Lehman Brothers wies wenige Tage vor ihrem Zusammenbruch eine Kernkapitalquote von 11% auf und die französisch-belgische Bankgruppe Dexia lag nur drei Monate vor ihrer Abwicklung bei 10,4%. Mit dieser Quote würde die Bank auch die neuen Mindestanforderungen unter Basel III knapp erfüllen. Kurz vor Ausbruch der Finanzkrise verfügten jene Banken, die in Schwierigkeiten gerieten, und alle andere Banken über regulatorisches Eigenkapital in fast identischer Höhe. Daraus folgerte der Direktor der Bank of England, Andy Haldane, dass „regulatorische Eigenkapitalquoten in etwa so gut Bankenkrisen hervorsagen können, wie wenn man eine Münze wirft“. 

 

Über wie viel Eigenkapital sollten Banken verfügen?

Ist man sich einmal dessen bewusst, dass Eigenkapitalanforderungen risikobasiert sind, so erscheinen die vor Ausbruch der Finanzkrise vorherrschenden Werte absurd niedrig. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht schrieb im Jahr 2010, dass Banken unter Basel II gerade einmal „über 2% hartes Kernkapital bezogen auf risikobehaftete Aktiva verfügen mussten“. Dabei gilt es nicht zu vergessen, dass 2% risikogewichteter Aktiva gleichbedeutend ist mit 1% der gesamten Vermögenswerte oder sogar noch weniger. In diesem Fall würden bereits Verluste in Höhe von 1% der Aktiva zur Insolvenz der Bank führen!

Mit Basel III kamen engere Definitionen und höhere Eigenkapitalanforderungen: 8% bzw. 13% der risikogewichteten Aktiva.

Ist das ausreichend? Nein. IWF-Wissenschaftler haben sich die Zahlen einmal genauer angeschaut und herausgefunden, dass Banken über Eigenkapital in Höhe von 18% ihrer risikogewichteten Aktiva verfügen müssten, um Schocks, wie sie sich in den vergangenen 50 Jahren in den OECD-Ländern ereigneten, unbeschadet zu überstehen. Obwohl diese Zahlen sehr konservativ geschätzt sind, liegen sie noch weit über den neuen Basel-III-Anforderungen.

Die Forschungsabteilung des Basler Ausschusses kam in einer Studie (sie wurde in diesem Bericht zusammengefasst) im Anschluss an die Finanzkrise zu dem Schluss, dass 16 bis 19% wohl ausreichend gewesen wären. In einem Bericht der Bank of England aus dem Jahr 2011 geht man davon aus, dass aus gesellschaftlicher Perspektive 20% ideal wären. In einem neueren Bericht der Bank of England vom Dezember 2015 hält man 10-15% für angemessen, allerdings wird im gleichen Atemzug erwähnt, dass „in Zeiten erhöhter wirtschaftlicher Risiken, z.B. nach starken Kreditbooms, die Eigenkapitalausstattung höher liegen müsse.“

Diese Studien legen nahe, dass die Gesetzgeber die Eigenkapitalanforderungen über das in Basel III vorgesehene Niveau heben sollten. Die größten Banken brauchen in guten Zeiten nur sehr wenig Eigenkapital, wie die Bank of England feststellte, doch in systemweiten Stressphasen brauchen sie umso mehr. Die offizielle Antwort auf dieses Problem lautet bis heute, dass wankende Banken ihre Verluste auf jene übertragen sollen, die ihnen Geld geliehen haben. Dieser Vorgang wird auch „Bail-In“ oder Gläubigerbeteiligung genannt (eine kurze Randnotiz zum Fachjargon: Durch den „Bail-In“-Mechanismus übertragt die Bank Verluste auf ihre Gläubiger, wohingegen bei einem „Bail-Out“ die Verluste auf die Steuerzahler abgewälzt werden. Bail-In soll vor solcherart staatlichen Rettungsmaßnahmen schützen.)

Das “Bail-In”-Prinzip beruht auf der Annahme, dass die Firmen, die als Gläubiger an den Verlusten beteiligt werden, dadurch selbst nicht in Schwierigkeiten geraten und sich keine Panik ausbreitet. Das ist leider etwas optimistisch gedacht, da viele Banken ähnlichen Risiken ausgesetzt und eng miteinander vernetzt sind (hier erfahren Sie mehr darüber). Solange man nicht sicher sein kann, dass der „Bail-In“-Mechanismus funktioniert, sollten Banken über wesentlich mehr Eigenkapital verfügen, da sie weder klein noch unabhängig genug sind, als dass man sie Pleite gehen lasse könnte.

Was den Verschuldungsgrad angeht, ist die Botschaft die gleiche. Der in Basel III vorgesehene Vorschlag, eine Leverage Ratio von 3% einzuführen, würde es den Banken erlauben, über 33 Mal so viel Fremd- wie Eigenkapital zu verfügen. Das heißt, sie finanzieren sich zu 97% über Schulden, sodass bereits ein Wertverlust von 1% der Aktiva dazu führen würde, dass eine Bank über 50 Mal so viel Fremd- wie Eigenkapital verfügt, bei 3% wäre sie insolvent.

"Bei einer Verschuldung um das 33-fache macht die Leverage Ratio wirtschaftlich gesehen überhaupt keinen Sinn mehr." (@ 10'30") – Finance Watch bei einer Anhörung im Europäischen Parlament, 11. Oktober 2011

Doch schon ein kleine Anhebung der vorgeschlagen Leverage Ratio würde einen großen Unterschied machen. Wenn eine Bank mit dem 33-fachen an Fremdkapital (d.h. sie verfügt nur über 3% Eigenkapital) eine Leverage Ratio von 5% erfüllen müsste, würde das in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit ihres Zusammenbruchs doppelt so wirksam sein wie die vorgeschlagenen 3%, so berechnete es die EZB (ECB, table A.3).

Finance Watch schlug im Jahr 2012 vor, dass in der EU eine Leverage Ratio von 5% gelten sollte (auf Grundlage der Vermögenswerte ohne Saldierung von Derivaten).

Die OECD empfiehlt ebenfalls eine Leverage Ratio von 5%, was genug wäre, um vor gefährlichen Ausreißern sicher zu sein.

Einige Kommentatoren sprechen sich sogar für wesentlich höhere Eigenkapitalanforderungen aus. Robert Jenkins, ehemaliges Mitglied des Finanzausschusses der Bank of England, liefert viele Argumente für eine Leverage Ratio von bis zu 20% (“Let's make a deal“, Juli 2012).

Anat Admati und Martin Hellwig, Ko-Autoren des exzellenten und leicht verständlichen Buches über Eigenkapital der Banken, „Des Bankers neue Kleider“, legen überzeugende Argumente vor, weshalb Banken über Eigenkapital in Höhe von 20-30% der ungewichteten Gesamtaktiva verfügen sollten.

Video (2'52") mit Anat Admati über "The Bankers' New Clothes" (auf Englisch)

 


 BOX: Der Zaubertrick der außerbilanziellen Positionen

Vor der Finanzkrise haben Banken außerbilanzielle Positionen genutzt, um Eigenkapitalanforderungen zu umgehen, indem sie bestimmte Vermögenswerte und Risiken in Zweckgesellschaften platzierten. Das hatte den Vorteil, dass diese Aktiva nicht für die Berechnung der Eigenkapitalquote herangezogen wurden, obwohl die Bank letztlich verantwortlich blieb. Viele Risiken konnten so einfach kaschiert werden. Doch als die Finanzkrise ausbrach, traten sie natürlich ans Licht!

Das Brookings Institution erklärt diesen Prozess wie folgt: “Das beste Beispiel hierfür war die Schaffung strukturierter Anlageinstrumente (auf Engl. structured investment vehicles, kurz SIV), bei denen es sich letztlich um Zweckgesellschaften handelte, die nur dazu da waren, kurzfristig Geld auf den Kapitalmärkten zu leihen und dafür verbriefte Kredite und andere Wertpapiere für die Bank zu kaufen. Diese Zweckgesellschaften galten bilanztechnisch als externe Unternehmen, die nicht in den konsolidierten Bankbilanzen zu erscheinen hatten. Das ermöglichte den Banken, Vermögenswerte an eben jene Zweckgesellschaften zu verkaufen und damit ihre Eigenkapitalanforderungen zu senken, da in ihrer Bilanz weniger Aktiva auftauchten. Leider waren diese Zweckgesellschaften in der Regel Geschöpfe der Banken bzw. von ihnen getragen oder zumindest in höchstem Maße von ihnen abhängig, falls es zu einer Finanzkrise kam. Entweder hatte sich die Trägerbank verpflichtet, der Zweckgesellschaft Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, was letztlich hieß, dass wieder die Bank das Kreditrisiko trug, oder aber sie war insofern an die Zweckgesellschaft gebunden, als dass sie von der Bank gerettet werden musste, um nicht dem eigenen Ansehen zu schaden.

Umso beunruhigender sind neue Statistiken der EZB, die nahe legen, dass die Banken heute wieder genauso verfahren. Im Bericht der Europäischen Parlaments vom Juni 2015 heißt es: „Das erneute Auftreten außerbilanzieller Risiken bei den größten europäischen Banken deutet darauf hin, dass diese Risikoauslagerungen weiterhin ein wirksamer Mechanismus für diese Banken sind, um unterschiedliche Regeln der Eigenkapitalunterlegung gegeneinander auszuspielen.“

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(Abbildung 10: "Außerbilanzmäßige Geschäfte geteilt durch die Bilanzsumme" - Bericht des Europäischen Parlaments vom Juni 2015 [Single Supervisory Mechanism banks (SSM banks) = Banken, die unter den einheitlichen Aufsichtsmechanismus in Europa fallen; Global Systemically Important Banks (G-SIBs) = global systemrelevante Banken])

 

Es bleibt zu hoffen, dass das Wiedererwachen solcher außerbilanzieller Risikoauslagerungen sowie die Wiederbelebung der Verbriefungsinstrumente und anderer Trends aus der Zeit vor der Finanzkrise, nicht dazu führen, dass sich die Geschichte wiederholt.

 


 

Sprachverwirrung: Eigenkapital wird nicht “beiseitegelegt”, es nützt der Wirtschaft

Eine weit verbreitetes Missverständnis besteht darin, das Banken Eigenkapital “zur Seite legen” müssten, ganz so, als ob jene Mittel, die zur Erfüllung der Eigenkapitalanforderungen genutzt werden, nicht gleichzeitig auch der Wirtschaft dienen, sondern in einem Tresorraum gelagert würden. Doch das Gegenteil ist der Fall! Genauso wie Unternehmen das Geld ihrer Aktionäre nutzen, um Mitarbeiter anzustellen und in neue Fabriken und Maschinen zu investieren, nutzen auch Banken ihr Eigenkapital, um die Kreditvergabe und andere Aktivitäten zu finanzieren, darunter auch solche, die der Wirtschaft nützen. 

Dieses Missverständnis beruht auf der Verwechslung zweier Fachbegriffe: Eigenkapital der Bank und Bankreserven. Manchmal werden sie synonym verwendet, bezeichnen jedoch etwas völlig anderes. In der Buchhaltung steht das Eigenkapital auf der Passivseite einer Bilanz, wohingegen Bankreserven auf der Aktivseite zu finden sind. Für die Bankenaufsicht schützt das Eigenkapital die Bank vor einer Insolvenz, die Reserven dagegen vor Liquiditätsengpässen.

Wenn Ihnen diese kurze Erklärung auch nicht viel weiterhilft, verstehen Sie, warum die Begriffe so häufig verwechselt werden! Also, was bedeuten diese Begriffe ansonsten noch?

Eigenkapital’ stellt eine Finanzierungsquelle der Bank dar, neben dem Geld, dass sie sich leiht. Normalerweise zählt man dazu ihr Aktienkapital und die Gewinnrücklagen. Da Eigenkapital nicht zurückgezahlt werden muss, ist es ideal, um Verluste aufzufangen. Aus diesem Grund haben Gesetzgeber und Bankenaufsicht die Banken dazu verpflichtet, ein Mindestmaß an Eigenkapital als Sicherheit gegen ihre Insolvenz zu halten. (Man spricht von einer Insolvenz, wenn auf einer Unternehmens- oder eben Bankenbilanz die Aktiva nicht mehr die Passiva ausgleichen, wodurch die Fortführung der Geschäftstätigkeit illegal würde.)

Reserven’ umfassen das Bargeld, das zum einen in den Banktresoren bereit gehalten wird, damit die Bankkunden rund um die Uhr Geld abheben können, und zum anderen bei der Zentralbank für den Zahlungsausgleich mit anderen Banken. Da Banken sehr schnell Zugriff auf Reserven und andere liquide Vermögenswerte haben (im Gegensatz zu dem Geld, das sie verliehen haben), erweisen sich Bankreserven als sehr wichtig für den Schutz der Bank vor Bargeldknappheit bei zu vielen Abhebungen. Aus diesem Grund schreiben die Bankenaufseher auch eine Mindestliquiditätsreserve vor: Banken müssen genug Geld bereithalten, um den Bargeldbedarf ihrer Kunden und Investoren zu decken. Da auch Zentralbanken im Notfall einspringen können, um einen Liquiditätsengpass zu beheben, sind solche Liquiditätsprobleme meist schnell und einfach zu beheben – solange nicht gleichzeitig eine Insolvenz droht.

Während der Finanzkrise war die Solvabilität der Banken das größte Problem. Während die Liquiditätsengpässe dazu geführt haben, dass einige Banken zusammenbrachen, da ihnen das Geld ausging, um die Anfragen besorgter Kunden und Investoren zu erfüllen, wollten die Gläubiger ihr Geld deshalb zurück, weil sie befürchteten, dass die Bank vielleicht Insolvenz anmelden muss. Liquiditätsengpässe waren nur die Folge von fehlendem Eigenkapital.

Leider verwechseln immer noch viele Menschen Eigenkapital und Bankreserven. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wort “Reserven” mehrere Bedeutungen hat: Manchmal werden damit Teile des Eigenkapitals einer Bank bezeichnet, z.B. nicht ausgeschüttete Gewinne, manchmal ihre Zentralbankreserven. Vereinzelt spricht man sogar von “Eigenkapitalreserven” – kein Wunder, dass dies Verwirrung stiftet.

Jedoch hat diese Verwirrung ernste Folgen für den Schutz von Bürger/innen vor Bankenrettungen. In ihrem Buch “Des Bankers neue Kleiders” erklären die beiden Wissenschaftler Anat Admati and Martin Hellwig, inwieweit dieses Sprachwirrwarr strengere Eigenkapitalvorschriften verhindert.

image-9 DEDie Verwirrung über die Bedeutung des Eigenkapitals von Banken lässt sich sehr oft beobachten. Zahlreiche Medienberichte sprechen davon, Banken müssten zusätzliches Kapital „beiseitelegen“, um die neuen Vorschriften zu erfüllen. Mit dem Ausdruck „Kapitalreserven“ wird suggeriert, die Regulierung zwinge die Banken, Bargeld vorzuhalten, das müßig in den Banktresoren herumliegt, anstatt in der Wirtschaft zu arbeiten. Ein amerikanischer Bankenlobbyist wird mit dem Satz zitiert: „Ein Dollar mehr an ‘capital‘ [Eigenkapital], ist ein Dollar weniger, der der Wirtschaft zur Verfügung steht.“

Diese Begriffsverwirrung ist heimtückisch, weil sie die Debatte über Kosten und Nutzen der Regulierung verfälscht, indem sie Kosten und Abwägungen suggeriert, die es so gar nicht gibt. Es gibt diese Abwägungen bei Mindestreservevorschriften, die von Banken verlangen, dass sie einen bestimmten Anteil der Einlagen ihrer Kunden in Bargeld oder Guthaben bei der Zentralbank halten. Jedoch bestimmen Eigenkapitalanforderungen, wie viel eigene Mittel Banken für die Finanzierung ihrer Investitionen einsetzen müssen. Mindestreserveanforderungen und Eigenkapitalanforderungen betreffen sehr verschiedene Dinge. Ihre Beurteilung verlangt daher auch verschiedene Ansätze. Man kann die Verwechslung von Eigenkapital- und Mindestreservevorschriften benutzen, um zu behaupten, eine Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen zwinge Banken, ihre Kreditvergabe einzuschränken. Dabei trifft das nicht zu."

Hier sind ein paar Beispiele aus dem echten Leben, in denen Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten, sehr verwirrende Aussagen über Eigenkapital der Banken machen:

Andrew Ross Sorkin, 2012.jpg

 

FALSCH

"Stellen Sie sich Eigenkapital vor wie ... Geld für Regentage."
Andrew Ross Sorkin, Journalist bei der New York Times und Autor des Buches "Too Big To fail", Januar 2013

(Bild: © By David A. Grogan - CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23233904)

 

 

Steve Bartlett 1990 congressional photo.jpg

FALSCH

"Ein Dollar mehr an Eigenkapital, ist ein Dollar weniger, der der Wirtschaft zur Verfügung steht."
Steve Bartlett, ehemaliger Kongressabgeordneter in Texas und Bankenlobbyist, 17. September 2010

(Bild: © US Government Printing Office - Congressional Pictorial Directory, 101st US Congress, p. 127, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24741782)

 

BBAFALSCH

Neue Kapitalvorschriften würden die britischen Banken zwingen, zusätzliche 600 Milliarden Pfund Sterling an Eigenkapital bereitzuhalten, die andernfalls für die Kreditvergabe an Unternehmen und Privathaushalte                                                                     hätten genutzt werden könnten.

                                      Britischer Bankenverband, Juni 2010

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FALSCH

Mehr Eigenkapital … würde dazu führen, dass sie weniger Kredite an die restliche Wirtschaft vergeben könnten. Dies hemmt das Wirtschaftswachstum und hat negative Auswirkungen für alle.

Josef Ackermann, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, 20. November 2009

(Bild: © Marcello Casal Jr./ABr - Agência Brasil [1]CC BY 3.0 br, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2421924)

Wenn Experten solche Formulierungen verwenden, ist es kein Wunder, dass der Normalbürger verwirrt ist. Auch in den Medien liest und hört man immer noch, dass Eigenkapital “beiseitegelegt” (auf Engl. “set aside”) werden müsse. Dadurch wird, wohl unabsichtlicher Weise, die Vorstellung zementiert, dass zwischen Eigenkapital und Kreditvergabe abgewogen werden müsse (selbst wenn Eigenkapital für die Kreditvergabe “beiseitegelegt” wurde):

Banken müssen für Handel mehr Kapital beiseitelegen” (Reuters, 14. Januar 2016)

Den europäischen Banken fehlen einer Studie zufolge bei Umsetzung der geplanten neuen Kapitalanforderungen rund 26 Milliarden Euro. [3 Banken] dürften ihre Dividenden kürzen, um mehr Kapital beiseite legen zu können.” (Handelsblatt, 8. September 2015)

Global banking regulators are proposing two alternatives for forcing banks to set aside far more money to cover the risk of interest rate changes to their earnings and core financial cushions” (Reuters, 8. Juni 2015)

Regulators around the world are fencing off domestic financial markets, forcing banks to set aside capital and liquidity to support local lending” (Economist, 21. Juni 2014)

Wenn Sie als Journalist demnächst wieder in Versuchung geraten, dann erinnern Sie sich doch einfach an die Worte David Miles', ehemals bei der Bank of England tätig:

image-10 RICHTIG

"Eigenkapitalanforderungen werden oft so dargestellt, als ob mehr Eigenkapitalfinanzierung gleichbedeutet wäre mit weniger Kreditvergabe. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Eigenkapital ist eine Finanzierungsquelle.Unter gleichen Bedingungen würde eine Bank mit mehr Eigenkapital auch mehr Geld zur Kreditvergabe bereitstellen können, nicht weniger.” David Miles, 23. Februar 2011 (Bild: © Bank of England)

 

Die Mythen der Bankenlobby

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Nach der Finanzkrise wurden eine Reihe neuer Regelungen für den Finanzsektor eingeführt, weitere sind noch in der Mache. Was das Eigenkapital der Banken betrifft, so wurden mit Basel III leicht höhere (aber immer noch risikogewichtete) Anforderungen gestellt, in der EU durch die Kapitaladäquanzverordnung und -richtlinie (bekannt als “CRD IV”) umgesetzt. Über eine konkrete Verschuldungsobergrenze (Leverage Ratio), wie in Basel III vorgeschlagen, soll im Laufe des Jahres 2016 nachgedacht werden. 

Aber es gibt schon wieder neue Pläne. Da die Gesetzgeber sich ganz auf das Wirtschaftswachstum konzentrieren und einige bestehende Gesetze überarbeiten wollen, ist die Bankenlobby fleißig damit beschäftigt, gegen neue Eigenkapitalregeln Stimmung zu machen. Hier ein paar Beispiele:

In ihren Beiträgen zur Konsultation der Europäischen Kommission „Mögliche Auswirkungen von CRR und CRD IV auf die Finanzierung der Wirtschaft durch Banken”, die im Oktober 2015 endete, wiederholte die Bankenindustrie ein ums andere Mal die Behauptung, dass höhere Eigenkapitalanforderungen der Wirtschaft schaden würden. Der Europäischen Bankenverband schrieb: „Wir befürchten, dass diese Gesetzesentwürfe erhebliche Auswirkungen auf das Eigenkapital haben werden, und damit auch auf die Banken, ihre Kunden, die Finanzmärkte und die Wirtschaft insgesamt.” Das Institute of International Finance, eine internationale Lobbygruppe der Großbanken, warnte vor „einem übervorsichtigen Gesetzesrahmen, der die Finanzierungskapazitäten der europäischen Banken übermäßig einschränkt”. Der schwedische Bankenverband, einer der zahlreichen nationalen Bankenverbände, die sich an der Konsultation beteiligten, behauptete in seinem Beitrag, dass „höhere [Eigenkapital-] Anforderungen Ressourcen binden würden, wodurch die Kreditvergabe eingeschränkt wird”.

All diese Argumente machen sich die Verwirrung zu Nutze, indem sie behaupten, strengere Eigenkapitalvorschriften wären schlecht für die Wirtschaft, obwohl sie nur schlecht für die Rendite der Banken sind. 

Darüber hinaus gibt es aktuell noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, um neue Eigenkapitalregeln zu verhindern, darunter die Konsultationen der Europäischen Kommission zur Verbriefung, über gedeckte Schuldverschreibungen, zum EU-Rechtsrahmen für Finanzdienstleistungen, sowie eine Konsultation des Basler Ausschusses über die Vorschriften für die Handelsbücher der Banken.

Drei Mythen der Bankenlobby – entlarvt!

Diese drei Mythen sind herrlich propagiert worden und von fast jedem wichtigen Entscheidungsträger wie ein Köder am Angelhaken geschluckt worden – ob sie es nun selbst glauben oder nur nicht die Möglichkeit in Betracht ziehen wollen, dass sie nicht stimmen, sei dahingestellt. Und so dürfen wir uns nun dafür beglückwünschen, dass wir erste Schritte in Richtung einer Leverage Ratio von etwa 3 oder 4% machen, obwohl wir eigentlich 16 oder 20% anstreben sollten.

Robert Jenkins, ehemaliges Mitglied des Finanzregulierungsausschusses der Bank of England


Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Bankengruppen sich gegen höhere Eigenkapitalanforderungen wehren, wo sie nur können, wenn sie dadurch von einer höheren Hebelwirkung profitieren können und mehr Rendite machen. Schließlich setzen sich Banken für ihre eigenen, privaten Interessen ein und nicht für die der Gesamtgesellschaft. Dennoch sollten Gesetzgeber nicht vergessen, dass die wahren Kosten von kapitalschwachen Banken eine Finanzkrise sind. Es ist schon erschreckend, so kurz nach dem Ausbruch der letzten Finanzkrise erneut die gleichen alten Mythen zu hören.

image-12Simon Johnson (Bild links © MIT), Professor an der MIT Sloan School of Management und ehemaliger Chefökonom des IWF während der Finanzkrise, hat eine Erklärung dafür, warum Politiker diese Märchen immer wieder aufs Neue erzählt bekommen:

Sowohl in den USA als auch in Europa werden die Staats- und Regierungschefs von der Angst beherrscht, dass ihre Wirtschaften wieder in eine Rezession rutschen oder noch Schlimmeres passiert. Die großen Banken spielen mit dieser Angst, indem sie behaupten, dass Finanzreformen ihre Rentabilität schmälern würden und sie somit weniger Kredite vergeben könnten oder es andere unbeabsichtigte katastrophale Folgen hätte. Es gab eine ganze Lobbywelle, die in diese Richtung ging, wodurch die politischen Entscheidungsträger langsam, aber sicher wieder zurückruderten, aus Angst die Wirtschaft zu gefährden. Das ist jedoch ein großer Fehler, der auf einem falschen Verständnis dessen beruht, wie große Banken der Wirtschaft schaden können."Banking Reform’s Fear Factor, Juli 2013

 

Welche Auswirkungen hat dies auf die Realwirtschaft?

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Am Ende der Äsop-Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf” stand der Junge, der zuvor falschen Alarm geschlagen und das gesamte Dorf in Panik versetzt hatte, dem Wolf schließlich alleine gegenüber. Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass “systemrelevante” Banken den Wölfen zum Fressen vorgeworfen werden. Kann uns die Geschichte dennoch etwas über Lobbying in Bezug auf Eigenkapital der Banken verraten?

Das erste Wolfsgeheul war im Jahr 2010 zu vernehmen, als die Bankenlobby schlimme Warnungen über höhere Eigenkapitalanforderungen ausrief:

Eine der Hauptgefahren, die von diesem Reformpaket ausgehen, ist die Auferlegung von Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen, die dazu führen werden, dass weniger Mittel für die Kreditvergabe zur Verfügung stehen werden und sie gleichzeitig teurer wird, was in Zeiten von schwachem Wirtschaftswachstum nicht gelegen kommt. Es geht also sowohl um die Höhe der Anforderungen, um den Zeitpunkt ihrer Einführung als auch um Übergangsregelungen.” AFME Briefing Note, Dezember 2009

Die Warnrufe waren jedoch unbegründet. Was tatsächlich geschah, konnte man drei Jahre später in einem Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr nachlesen:

Insgesamt sieht es nicht danach aus, dass Banken ihre Aktiva oder Kreditvergabe in Folge strengerer Eigenkapitalanforderungen stark einschränken mussten. Vielmehr wuchsen Banken, die schon zu Beginn des Prozesses über mehr Eigenkapital verfügten oder in den Jahren nach der Finanzkrise gute Gewinne machten, tendenziell mehr als andere Banken. Dies zeugt von der Wichtigkeit solider Bankbilanzen für die Kreditvergabe.BIS Quarterly Review

Natürlich sind die Dinge teilweise etwas komplizierter. In einer Studie des IWF und der Bank of England aus dem Jahre 2014 fanden Wissenschaftler heraus, dass die Kreditvergabe infolge höherer Eigenkapitalanforderungen in der Tat ein wenig eingeschränkt wurde, jedoch nur für eine kurze Übergangszeit. Auch waren die Auswirkungen auf das BIP statistisch gesehen unbedeutend. Im Jahr zuvor hatte David Miles von der Bank of England in einer Studie herausgefunden, dass die Kosten für die Wirtschaft stark übertrieben worden waren.

In einer weiteren Analyse der Bank of England (für den Zeitraum 1990 bis 2011) fand man heraus, dass erhöhte Eigenkapitalvorschriften die Kreditvergabe der britischen Banken zunächst zwar negativ beeinflussten, sie aber bereits nach drei Jahren wieder zum Normalzustand zurückgekehrt war.

Und Stephen Cecchetti, ein Wissenschaftlicher, der zuvor als Leiter der Zentralbankstudien bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gearbeitet hat, fand heraus, dass die Prophezeiungen der Bankenlobby nicht auf Fakten basierten:

“Seit der Finanzkrise wurden sowohl die Eigenkapitalanforderungen als auch das tatsächlich vorgehaltene Eigenkapital deutlich angehoben. Außerhalb der weiterhin instabilen Eurozone haben sich die Darlehenszinsen kaum verändert, die Bankzinsen sind gefallen und es wurden sogar mehr Kredite vergeben.”

Insgesamt legen diese wissenschaftlichen Studien also nahe, dass die Behauptungen der Finanzlobby zwar nicht völlig falsch, jedoch entweder stark übertrieben sind oder andere Erklärungen einfach ignorieren (wie zum Beispiel die Instabilität der Eurozone).

Während nun also die Eigenkapitalvorschriften wieder überarbeitet werden, sollten Gesetzgeber sich dies stets vor Augen halten, um erneutes „Wolfgeheul“ richtig einordnen zu können. Erst kürzlich konnte ein solcher Alarmschrei des Europäischen Bankenverbands vernommen werden, als dieser sagte, dass „höhere Eigenkapitalanforderungen die Kreditvergabekapazität der Banken einschränken“. Wie die oben aufgeführten Studien belegen, kann diese Behauptung zwar für einige Banken unter gewissen Umständen zutreffen, jedoch vor allem für kapitalschwache Banken während einer Übergangsphase zu höherer Eigenkapitalunterlegung und mit kaum spürbaren Auswirkungen für die Realwirtschaft. Der enorme gesellschaftliche Nutzen von Banken, die besser mit Eigenkapital ausgestattet sind, wird dadurch nicht geschmälert.

Diesen Nutzen gibt es selbst dann, wenn Banken sich gerade in der Phase befinden, wo sie mehr Eigenkapital aufnehmen. Warum das so ist, erklärt Andrew Haldane von der Bank of England:

Andy Haldane - Festival Economia 2013.JPG

Das Kreditwachstum ist deshalb schwach, weil die Darlehenszinssätze der Banken proportional zu ihren höheren Refinanzierungskosten stark angestiegen sind. Diese höheren Refinanzierungskosten der Banken spiegeln die Ängste auf den Finanzmärkten wieder, ob Banken weiterhin eine sichere Anlage sind. Höhere Eigenkapitalpuffer der Banken mindern dieses Risiko und damit auch ihre Refinanzierungskosten und Darlehenszinssätze. Auf diesem Wege könnte das Kreditwachstum und die Investitionen der Wirtschaft unterstützt werden.The Times, 11 July 2012

(Bild: © Niccolò Caranti - Own workCC BY-SA 3.0https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26517262)

Empirische Daten belegen außerdem, dass es weder zwischen den Kosten von Bankdarlehen und der Verschuldungsquote der Bank noch zwischen der Verschuldungsquote und dem Wirtschaftswachstum einen Zusammenhang gibt, worauf auch Finance Watch in seiner Rede vor dem ECON-Ausschuss des Europäischen Parlaments im Jahr 2011 hinwies. Argumente dafür, dass eine höhere Verschuldung von Banken gut für die Wirtschaft sei, sind deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Ist die Übergangsphase zu höherer Eigenkapitalunterlegung einmal abgeschlossen, müsste auch die Kreditvergabe an die Realwirtschaft zunehmen, da die ehemals kapitalschwachen Banken nun wieder auf einer stabileren Grundlage stehen. Erst im September 2015 hat auch die EZB in einer Studie über den Zugang der Unternehmen zu Finanzierungsmitteln belegt, dass dies tatsächlich bereits der Fall ist. Bankdarlehen seien für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) leichter zu bekommen und auch ihre Beschwerden über den schlechten Zugang zu Finanzierunghilfen von Banken würden abnehmen, so die Studie.

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(Abbildung 11: Entwicklung bei der Verfügbarkeit externer Finanzierungsquellen (links) und Ranking "Zugang zu Finanzierungsquellen" als Problem (rechts) - © ECB-Studie)

Es stellt sich heraus, dass für Unternehmen sowohl die mangelnde Nachfrage als auch der Wettbewerbsdruck die größten Probleme darstellen – Faktoren, die kaum dadurch zu beeinflussen sind, dass man die Kreditvergabe erhöht. Dieses Beispiel zeigt erneut, inwieweit Ursache und Wirkung aus Sicht der Bankenlobby und der Realwirtschaft völlig unterschiedlich sind.

Schließlich werden kapitalstärkere Banken bessere Kreditentscheidungen treffen. Anat Admati geht davon aus, dass Banken mit einer Eigenkapitalquote von 25% beispielsweise bessere Kreditentscheidungen treffen würden als solche mit einer Quote von 5%. Das liegt daran, dass es sehr unwahrscheinlich ist, einerseits zu viel in extrem riskante Darlehen zu investieren und andererseits aufgrund eines Schuldenüberhangs zu wenig zu investieren, so Admati.

 



BOX: Eine unverfrorene Behauptung der Bankenlobby

„Höhere Eigenkapitalanforderungen rufen Unsicherheiten auf dem Finanzmarkt hervor.”

Europäischer Bankenverband in seinem Konsultationsbeitrag über mögliche Auswirkungen von CRR und CRD IV auf die Finanzierung der Wirtschaft durch Banken, 7. Oktober 2015

Das Gegenteil ist der Fall. Je höher das Eigenkapital der Banken, umso mehr Vertrauen haben die Märkte in die Stabilität einer Bank. Und umgekehrt schürt eine niedrige Kapitalunterlegung eher Zweifel an ihrer Robustheit, was zu massiven Unsicherheiten auf den Finanzmärkten und einer Finanzkrise führen kann. Zur Erinnerung, so sahen die Unsicherheiten im Jahre 2008 aus:

CNN, Wie die Aktienmärkte auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers reagieren, 15. September 2008


 

Was für einen Unterschied würden höhere Eigenkapitalvorschriften machen?

Im Gegensatz zur Auffassung der Bankenlobby werden strengere Eigenkapitalvorschriften Banken nicht bestrafen, sondern ihnen dabei helfen, zu langfristig ausgerichteter und nachhaltiger Wertschöpfung zurückzukehren. Einige Aktionäre mögen sich über höhere Erträge freuen, die sie in guten Zeiten von überschuldeten Banken erhalten, da diese nicht die korrekten Risiken widerspiegeln. Allerdings handelt es sich hier letztlich nur um ein Spiel, bei dem sie darauf setzen, dass die Risiken eben nicht eintreten, oder anders gesagt, um eine Wette, dass ihre Aktien im Krisenfall nicht wertlos werden, sondern die Bank irgendwie von irgendjemandem gerettet wird. Auf lange Sicht sollten sich Investoren jedoch auf schlechtere Zeiten einstellen. Wie IWF-Studien bereits gezeigt haben, verlief der Kurs der Aktien der großen Banken mit mehr Eigenkapital wesentlich besser während der letzten Finanzkrise als derjenigen mit wenig Eigenkapital (IMF 2010). 

Wenn man Aktionäre und Kunden heutzutage fragt, ist es sehr wahrscheinlich, dass die meisten lieber stabile Banken mit stabilen Gewinnen hätten, die auch Krisenzeiten überstehen, als instabile Banken, die zwar über einen kurzen Zeitraum sehr renditeträchtig sind, dann aber zusammenbrechen und gerettet werden müssen.

Wenn Regelungen sicherstellen können, dass die Finanzindustrie sich wieder auf ihrer Kernaufgabe konzentriert, und zwar der Realwirtschaft Kapital zu produktiven Zwecken bereitzustellen, dann würde jeder davon etwas haben, sowohl die Aktionäre als auch die Gesellschaft als Ganze.

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Eine Situation, in der Steuerzahler Banken auffangen, während Banker private Vermögen anhäufen, ist nicht tragbar. Hierin liegt die größte Gefahr für das Fortbestehen unserer Marktwirtschaft.Martin Wolf, Präsentation bei der Konferenz von Finance Watch im März 2012

 

Fazit

Das Eigenkapital der Banken ist zwar seit der Finanzkrise, ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau, geringfügig angestiegen, allerdings ist es weiterhin lange noch nicht ausreichend. Außerdem wird es weiterhin überwiegend nach dem risikobasierten Ansatz berechnet, der erwiesenermaßen große Schwachstellen hat.

Dass die Gesetzgeber derzeit überlegen, die neuen Vorschriften wieder zu überarbeiten, wird von der Bankenlobby genutzt, um die Regeln in einigen Bereichen wieder zu schwächen.
Die Argumente, die nach der Finanzkrise gegen eine höhere Eigenkapitalquote vorgebracht wurden, haben sich als falsch oder als enorme Übertreibung erwiesen. Und dennoch werden die gleichen Argumente heute schon wieder hervorgeholt.

Da die Finanzkrise langsam wieder aus der Erinnerung gerät, ist es umso wichtiger, dass wir die wichtigste Erkenntnis, die wir aus dieser verheerenden Krise gewonnen haben, uns immer wieder vor Augen halten: Banken mit mehr Eigenkapital sind besser für die Gesellschaft, nicht schlechter.

 

Mehr Materialien von Finance Watch zu diesem Thema:

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