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Aus der Geschichte lernen II: Die “Dreißig Genfer Mädchen” und die französische Revolution

Eine der Hauptursachen der französischen Revolution war eine Staatsschuldenkrise. Im Gegensatz zu England schaffte des Frankreich im 18. Jahrhundert nicht, seinen Staatshaushalt ausgeglichen zu halten, was zu mehreren Staatspleiten führte. Im Jahre 1789 rief Ludwig XVI., der geschworen hatte, niemals in Zahlungsverzug zu geraten, die Generalstände ein, um neue Einkommensquellen aufzutun.

Wie man früher Staatsschulden finanzierte

Nun kommen die kleinen Mädchen des Schweizer Bürgertums ins Spiel. Inwiefern? Damals wurden Staatsschulden hauptsächlich mit Leibrenten finanziert. Hierbei zahlt der Käufer dem Staat eine bestimmte Summe, wofür er dann den Rest seines Lebens jährlich einen Teil dieser Summe zurückerhält. Man borgte dem Staat im Jahre 1700 100 Geldeinheiten, und erhielt dann jedes Jahr 10 Geldeinheiten zurück, und zwar bis zum Tod. Um 1690 war das Alter des Käufers bereits ausschlaggebend für die Höhe der jährlichen Zahlung. Je älter der Käufer der Leibrente, desto höher die jährliche Auszahlung, um das Einkommen besser auf die gesamte Lebenszeit zu verteilen. Dem Staat kostete die Leibrente immer mehr oder weniger das Gleiche, egal wie alt der Käufer war.

Etwa im Jahre 1760 entschloss sich der Staat aus mehreren, heute immer noch heiß diskutierten Gründen dazu, wieder zu Festraten zurückzukommen. Das bedeutete, dass der Käufer, gleich welchen Alters, stets denselben Betrag bis an sein Lebensende erhalten würde. Am Anfang war das kein Problem, weil die meisten Käufer erwachsen waren. Die Lebenserwartung lag niedriger als heutzutage, und die festen Renten wurden so berechnet, dass die Höhe der Auszahlungen derjenigen entsprach, die ein 50-jähriger Käufer nach dem alten System erhalten hätte.

Tricks und Hintertürchen

Im Jahre 1771 fiel den Genfer Banken auf, dass sie nichts davon abhielt, die Leibrenten im Namen anderer Personen zu erwerben. Um die jährlichen Zahlungen zu erhalten, musste man allerdings beweisen, dass man noch am Leben war. Lebensbescheinigungen waren teuer, weswegen viele Leute Leibrenten erstanden, deren Dauer in etwa der Lebenserwartung einer bekannten Person entsprach. Als er 1793 hingerichtet wurde, waren 400.000 Leibrenten auf Ludwig XVI. ausgestellt.

Durch ein anderes Hintertürchen schafften es Banken, kleine Mädchen im Alter von 4 bis 7 Jahren ins Spiel zu bringen (die meisten Kinderkrankheiten kamen bei Kleinkindern unter 3 Jahren vor, weswegen die statistische Lebenserwartung von Kindern im Kindergarten- und Schulalter höher lag). Die Banken wählten sich Kinder aus, kauften Leibrenten in ihrem Namen, und zahlten ihnen sogar die medizinische Versorgung. Wenn es sich um Jungen handelte, ging es laut Marc Cramer “so weit, dass sie ein regelmäßiges Einkommen bekamen, wenn sie versprachen, das Land nicht zu verlassen und keine gefährliche Laufbahn einzuschlagen, z.B. Militärdienst im Ausland”. Um gesund zu bleiben, geht nichts über die Ruhe der Schweizer Berge…

Verbriefung

Doch die gerissenen Schweizer Banker gingen noch weiter. “Um das Verlustrisiko durch Unfälle zu vermindern, wählten die Banker eine gewisse Anzahl an Köpfen, 30, 40, 50, 60, aus (wobei am häufigsten 30 gewählt wurden, daher der Name: Genfer Dreißigkopfkredit)”. Leibrenten von mehreren Leuten oder Köpfen wurden in einem einzigen Finanzprodukt verpackt, das wiederum aufgeteilt und Kunden angeboten wurde. Kommt Ihnen das bekannt vor? Es ist das gleiche Schema wie beim Verbriefen von Immobilienkrediten*, diese angeblich revolutionäre Technik, die die Subprime-Krise auslöste. Im 18. Jahrhundert wurde die Technik auf eine andere Art revolutionär, wie wir sehen werden.

Leibrenten wurden in einem Investmentfonds zusammengepackt, dessen Anteile dann wieder verkauft wurden. Wenn eines der Kinder starb, sorgten die Zahlungen für die noch lebenden Kinder trotzdem für ausreichende Mittel. Die Eigentümer des Fonds wurden ausgezahlt, und Gewinne waren garantiert, sagte man zumindest. In diesem Fall funktionierte der Trick bis 1797, als der französische Staat durch die Kosten mehrerer Revolutionskriege seinen Verbindlichkeiten in diesem System nicht mehr nachkommen konnte, und zwei Drittel seiner Schulden strich. Im friedlicheren 21. Jahrhundert war es das Ende eines Immobilienbooms, als zu viele Schuldner gleichzeitig nicht mehr zahlungsfähig waren, der das Kartenhaus in sich zusammenfallen ließ.

Aus der Geschichte lernen

Heute ist Verbriefung wieder in den Schlagzeilen, weil politische Entscheidungsträger wollen, dass die Wirtschaft mit mehr Krediten versorgt wird, und Banken wieder in einen gewinnbringenden Markt einsteigen möchten. Die Verbriefung von Krediten an kleine und mittlere Unternehmen ist zum Beispiel ein wichtiger Bestandteil des Grünbuchs der Europäischen Kommission zum Thema langfristige Finanzierung.

Finance Watch ist der Ansicht, dass man die Ursprünge dieser Technik nicht vergessen sollte, wenn man sie heute wiederbeleben möchte. Wir können aus der Subprime-Krise lernen, dass Verbriefung nur mit einer sehr beschränkten Hebelwirkung, mit Fristentransformation und ohne Prinzipal-Agentproblemen gemacht werden sollte. Die Lehre, die aus der Genfer Technik zu ziehen ist: Verbriefung kann dazu führen, dass sich die Natur einer Investition von Grund auf ändert, indem sie zu ‚moral hazard‘, fahrlässigem Verhalten führt. Statt einer persönlichen Anlage für Personen aus dem Bürgertum wurde es eine spekulative Anlage, die den Staatshaushalt gefährdete.

Zurück ins Jahr 1782. Laut Schätzungen wurden drei Viertel der ausgegebenen Leibrenten im Namen von kleinen Kindern geführt. Französische Banken (und eventuell auch Individuen) hatten die Genfer Technik massenhaft nachgeahmt. Sie nutzten das System aus, und trugen damit indirekt zu einer erhöhten Schuldenlast und damit indirekt zum Fall des Ancien Régime bei.

Zwar ist die Schuldenlast heute weniger dramatisch, aber die Finanzgeschichte birgt viele Überraschungen: Wer hätte gedacht, dass die ersten Revolutionäre kleine Mädchen aus dem Schweizer Bürgertum waren?

Fabien Hassan

Zum Nachlesen

  • Marc Cramer, “Les trente Demoiselles de Genève et les billets solidaires”, Swiss Journal of Economics and Statistics (SJES), 1946, vol. 82, issue II, pages 109-138.
  • Francois Velde and David Weir, “The Financial Market and Government Debt Policy in France, 1746-93,” Journal of Economic History, March 1992

** Wenn Sie den Mechanismus der Verbriefung besser verstehen wollen, ist dieses Video zu empfehlen.

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