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Aus der Geschichte lernen VII – Tulpenmanie oder über die Deutungshoheit der Finanzelite

Wenn Sie sich für Finanzfragen interessieren, haben Sie wahrscheinlich bereits von der Tulpenmanie gehört, ein kleiner, aber farbenfroher Börsenkrach in den Anfängen des Finanzhistorie. In der Tat wird die Amsterdamer Tulpenkrise von 1637 in den meisten Büchern zur Wirtschaftsgeschichte als die erste echte Finanzkrise aufgeführt. Viele Journalisten erliegen der Versuchung, die aktuelle Finanzspekulation mit der in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts zu vergleichen, wenn sie einen Artikel zu Themen verfassen, in denen es um einen Preisanstieg jedweder Art geht, von Bitcoins über Immobilien bis hin zu chinesischen Weinen.

Allerdings weiß man heute, dass die Tulpenblase kaum ernsthafte Auswirkungen auf die niederländische Wirtschaft hatte, damals eine Weltwirtschaftsmacht. In einer bahnbrechenden Studie über das so genannte „Goldene Zeitalter der Niederlande“ haben Jan de Vries und Ad van der Woude die Tulpenmania in einem einzigen Abschnitt abhandelt.

Warum also ist die Geschichte so berühmt geworden?

Tulpenmanie und die Debatte über die Rationalität von Finanzmärkten

Worin genau bestand die Krise? Kurz gesagt, die Tulpenpreise wuchsen ins Unermessliche, bevor sie im Jahr 1637 einen Sturzflug erlitten. Es sei noch einmal betont, dass die Niederlande zur damaligen Zeit die blühendste Wirtschaft weltweit hatte. Natürlich bestand ihr Reichtum nicht aus Tulpen, sondern aus wichtigeren Gütern wie Kleidung und Getreide. Ihre Wirtschaft hat zu keinem Zeitpunkt unter der Tulpenkrise gelitten.

Warum also sollten wir uns heute für diese Amsterdamer Geschichte interessieren? Nun, auf der ganzen Welt suchen Wissenschaftler weiterhin nach neuen aufschlussreichen Zahlen zur Tulpenkrise, um daraus etwas über die Finanzmärkte im Allgemeinen zu lernen. Am 4. Oktober 2013 erschien ein Artikel auf einem Wirtschaftsblog über neue Studien zur Rationalität der Tulpenmanie. So haben in der Tat vor allem Keynesianer die Tulpenhysterie als Beleg für die Theorie der ‚animalischen Instinkte‘ (bekannter unter der englischen Bezeichnung ‚Animal Spirits‘) angeführt. Sie besagt, dass Finanzmärkte im Wesentlichen irrational sind und vom Herdentrieb dominiert.

Im Gegensatz dazu gehen die Anhänger des ‚Laisser faire‘ davon aus, dass Märkte „perfekt“ sind. Dieser Logik folgend kann es Spekulationsblasen nicht geben, da die Preise stets durch die freien Marktkräfte formiert werden. Und falls es unmöglich erscheint, absurde Preisentwicklungen zu erklären, dann schiebe man die Schuld einfach auf die Regierungen. So geschehen in einer Studie von Earl Thompson: “Die Entwicklungen auf dem Tulpenmarkt stehen in direkter Verbindung mit einer neuen Finanzmarktregulierung – das gilt insbesondere für die Vorwegnahme der Regierungsmaßnahme, Termin- in Aktiengeschäfte umzuwandeln.“ Zwar waren die Tulpenblasen mehr wert als Schiffe, aber das war eben nur eine Reaktion der Märkte auf schlechte Politik…

Handelt es sich bei der Tulpenkrise um die erste Finanzkrise?

Jedenfalls zeigt sich deutlich, dass historische Debatten vor dem Hintergrund politischer Interessen zu sehen sind. Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Tulpenwahns liefert die Historikerin Anne Golder in ihrem Buch, das 2007 erschienen ist. Darin stellt sie die grundsätzliche Frage nach der Angemessenheit des Wortbausteins „Finanz-“ im Zusammenhang mit der Tulpenmanie. Zwar hätten Finanzgeschäfte durchaus seinen Teil zum exponentiellen Preisanstieg beigetragen, jedoch sei die Krise in erster Linie gesellschaftlicher und kultureller Art, so Golder. Sie macht vielmehr auf die Schwierigkeiten aufmerksam, mit denen sich die Finanzelite der Niederlande in Zeiten eines raschen Wirtschaftswachstums und einer starken Immigrationswelle konfrontiert sah.

Daher sollten wir uns intensiver mit den Folgen der Krise beschäftigen. Bereits 1637 stürzten sich Pamphletschreiber, Zeichner, Kommentatoren, Vertreter des Klerus und viele mehr auf die Geschehnisse. Gerade einmal drei Jahre später malte Bruegel dann sein berühmtes Gemälde, mit dem er zeigt, dass seine Zeitgenossen auch die surreale und humoristische Dimension der Tulpenmanie unmittelbar erkannten.

Es wurde schnell klar, wie man die Krise zu interpretieren hatte bzw. sollte, nämlich als kollektiven Wahnsinn. Alle Augen richteten sich vor allem auf die skrupellosen Spekulanten, denen man vorwarf, massiv in einen Markt von Kennern investiert zu haben, aus reiner Profitgier. Ganz bewusst wurden Kontrastbilder geschaffen: hier das gemeine Volk, das sich bei einem Glas in der Kneipe mit dem Finanzhandel versucht, dort die wohlüberlegten Geschäfte eines Botanisten aus der Bourgeoisie.

Eine soziokulturelle Deutung der Krise

An diesem Punkt wird die Parallele zur jüngsten Geschichte spannend. Denn als die Immobilienblase platzte, verloren die Kommentatoren auch keine Zeit auf den Irrsinn zu verweisen, verschuldeten Familien ein Hypothekendarlehen zu gewähren. Damit wurde die Schuld den Immobilienmaklern, den Hauskäufern und auch den Banken in die Schuhe geschoben. Dabei ist inzwischen klar geworden, dass die Finanzkrise von 2008 weit mehr war als ein Problem verbriefter Immobilienkredite. So spekulierte man auch in den Niederlanden im 17. Jahrhundert bereits mit allen möglichen Rohstoffen, insbesondere mit Getreide. Die Tulpenmanie bot schlicht und ergreifend eine hübschere Geschichte.

Wer das Bild hocheffizienter und rationaler Märkte aufrecht erhalten will, um staatliche Eingriffe zu verhindern, dem bieten sich zwei Möglichkeiten: Entweder negiert man die Existenz von Spekulationsblasen, so wie es viele der bekanntesten Wirtschafstheoretiker Anfang des 21. Jahrhunderts wie Alan Greenspan taten. Oder aber man gibt einer Randgruppe von Marktakteuren die Schuld, damit das Marktsystem als solches und seine Hauptakteure fein raus sind. Dann gilt: Je mehr, desto besser. So taten es auch die Pamphletschreiber im Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

Die protestantische Elite der Niederlande hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden, um sich an den Neureichen zu rächen, die vom blühenden internationalen Handel reichlich profitierten. Hierin liegt der einzige Grund dafür, weshalb sich die Geschichte der Tulpenmanie in unser kollektives Gedächtnis gebrannt hat und noch heute erzählt wird. Die Lehren, die wir daraus ziehen können, stehen wohl weniger im Zusammenhang mit prototypischen Finanzmarktmechanismen jener Zeit als mit der gesellschaftlich-kulturellen Deutungshoheit der Finanzelite.

Eine weitere wichtige Lektion: Innerhalb der Finanzindustrie gibt es verschiedene Machtzirkel, und Krisen können an diesen Strukturen rütteln. Aus diesem Grund sollten bei jedweder Regulierungsmaßnahme neben den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten zur Funktionsweise der Märkte immer auch die soziologischen Mechanismen berücksichtigt werden, die das Finanzwesen, wenn nicht sogar die Märkte selbst steuern.

Fabien Hassan

Literatur

  • Christian Chavagneux, Une brève histoire des crises financières, des tulipes aux subprimes, La Découverte, 2011
  • Anne Goldgar, Tulipmania: Money, Honor and Knowledge in the Dutch Golden Age, University of Chicago Press, 2007
  • Jan de Vries, Ad van der Woude, The first modern economy: success, failure, and perseverance of the Dutch economy, 1500-1815, Cambridge University Press, 1997
  • Thompson, E. A. (2007). “The tulipmania: Fact or artifact?” Public Choice, 130(1-2), 99-114.
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