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Interview mit Christophe Nijdam

Willkommen bei Finance Watch, Herr Nijdam. Was wird Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung in Ihrer neuen Position?

Wir müssen dafür sorgen, dass den Gesetzgebern eines klar ist: Wenn wir Wachstum und Arbeitsplätze wollen, dann brauchen wir wirksame Regulierung. Die Finanzkrise hat Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz geraubt und war Gift für das Wirtschaftswachstum. Aber die Ursache der Krise war nicht zu viel Regulierung, sondern im Gegenteil zu wenig Regulierung.

Finance Watch Interview mit Christophe Nijdam

Denken Sie, wir haben unsere Lektionen aus den Krisen gelernt? Warum ist es so schwer, effektive Regeln einzuführen?

Im Rückblick wird deutlich, dass die meisten Punkte der G20-Agenda, die damals als Reaktion auf die Finanzkrise aufgestellt wurde, verhindern sollten, dass es noch einmal zu solch einer systemischen Krise kommt. An der Umsetzung haperte es dann allerdings.

Als die Finanz- und die Eurozonen-Krise durch Bankenrettungen der ein oder anderen Art vorübergehend gestoppt wurde, wähnte man sich in der Illusion, dass alles wieder unter Kontrolle ist. Viele dachten, dass es nicht mehr länger nötig sei die Finanzinstitutionen zu regulieren, so wie es die G20-Staaten ursprünglich gefordert hatten. Selbstzufriedenheit stellte sich ein und wir wurden weniger wachsam, sorgten uns weniger um strenge Regulierung.

In diesem Umfeld konnten die Finanzlobbyisten sich wieder an ihre Arbeit machen: Sie fordern weniger Regulierung bzw. weniger strenge Gesetze und behaupten dabei sogar, dass das im öffentlichen Interesse sei – obwohl genau das Gegenteil der Fall ist.

Blicken wir zurück in die 1980er Jahre, als die große Welle der Deregulierung über den Finanzsektor kam: Damals arbeiteten Sie für eine Reihe großer Banken in New York. Wie erlebten Sie die Liberalisierung des Finanzsektors damals?

In der Tat war ich damals mitten drin, als die Finanzialisierung der Wirtschaft anfing. Zu dieser Zeit war ich davon überzeugt, dass liberalisierte Märkte tatsächlich effizienter sein können als stark zentral gesteuerte Märkte. Man darf nicht vergessen, dass es zur damaligen Zeit noch den Eisernen Vorhang gab und sich zwei politisch und wirtschaftlich höchst verschiedene Systeme gegenüber standen. Auf der einen Seite die Sowjetunion mit ihrer Planwirtschaft und auf der anderen Seite die „freie Welt” mit ihren freien Märkten. Zu dieser Zeit glaubte ich an das letztere System, dass es unter allen anderen die beste Wirtschaftsordnung sei. Erst später änderte ich dann meine Meinung.

Wie kam es, dass sich Ihre Wahrnehmung im Laufe der Jahre verändert hat?

Später dann, etwa ab Mitte der 1990er Jahre bis zur Krise von 2008, merkte ich, dass der freie Markt, den ich zwar weiterhin befürwortete, teilweise unerwünschte Nebenwirkungen hatte.

Ein Beispiel war der Derivatemarkt, auf dem ich arbeitete und der langsam aber sicher außer Kontrolle geriet. Oder auch die Vergütung im Finanzsektor, die auf einmal in die Höhe schnellte, obwohl die dafür geleistete Arbeit kaum einen Nutzen für die Gesellschaft hatte.

Aufgrund dieser und anderer Entwicklungen haben wir viel ethische Prinzipien in der Finanzindustrie verloren und viele dachten damals nur an eines: so schnell wie möglich Geld machen. Die möglichen negativen Auswirkungen auf den Rest der Gesellschaft ignorierte man.

Von Mitte der 1990er an begann ich umzudenken: Ja, freie Märkte sind zwar besser als zentralisierte Märkte, aber der freie Markt kann sich nicht selbst regulieren, insbesondere angesichts der finanziellen Fehlanreize. Wenn wir also freie Märkte brauchen, dann ist Regulierung grundlegende Voraussetzung, damit sie ihren eigentlichen Zweck nicht aus den Augen verlieren: im Dienste der Gesellschaft zu stehen.

Nachdem Sie den Bankensektor verlassen und bevor Sie bei Finance Watch angefangen haben, arbeiteten Sie 20 Jahre als Finanzanalyst. Was reizte Sie an dieser Aufgabe?

Als Banker war ich es gewohnt, die meiste Zeit auf der „Schuldenseite” zu arbeiten; in der Geschäftskundenbetreuung in Form von Krediten, später als Investmentbanker dann in Form von Anleihen und Derivaten.

Um mich beruflich weiterzuentwickeln, wollte ich dann auf die „Vermögensseite” wechseln. Als Aktienanalyst braucht man hohe analytische Fähigkeiten. Nur wenn man die Geschäftsstrategie eines Unternehmens wirklich versteht, die sich hinter all den Zahlen verbirgt, dann kann man seine Aktien auch korrekt bepreisen. Intellektuell gesehen war es eine neue Herausforderung für mich und es war wirklich spannend.

Während dieser Zeit haben Sie sich auch einen Namen als unabhängiger Finanzexperte gemacht, sie unterrichteten an der Uni, schrieben Bücher und waren regelmäßig in den Medien. Für wie wichtig halten Sie Finanzbildung?

Mitte der 1990er Jahre begann ich einige Artikel zu schreiben. 1998 zum Beispiel schrieb ich über LTCM, ein US-Hedgefonds, der kräftig im Derivatemarkt mitmischte und beinahe das Finanzsystem mit in den Abgrund gerissen hätte. Doch die US-Regierung zwang die Banken, LTCM zu retten. Das war der Anfang von meiner öffentlichen Kritik an Derivaten. Von 1998 an unterrichtete ich dann auch an der Sciences-Po.

Finanzbildung ist sehr wichtig, aber eher ein langfristiges Ziel. Nur wer sich auch in Finanzfragen auskennt, kann letztlich seine wirtschaftliche Freiheit genießen. Das Problem ist, dass die Finanzwelt von einigen absichtlich dermaßen verkompliziert wird, dass sie nur noch Experten zugänglich ist. Dabei muss sie gar nicht so kompliziert sein! Unser wirtschaftliches und finanzielles Handeln sollten auf gesundem Menschenverstand beruhen. Auf einfachen Regeln wie „Risiko und Rendite” oder „Wenn man Dinge nicht versteht, sollte man auch nicht in sie investieren!”

Aus diesem Grund ist Finance Watch auch so wichtig: Wir können es nicht einer Minderheit überlassen, ihre Position auszunutzen, um alles extrem zu verkomplizieren. Wenn Experten behaupten „Bitte nicht anfassen, nur wir kennen uns damit aus”, dann können wir antworten „Wir kennen das Finanzsystem ebenfalls, wollen es allerdings wieder in den Dienst der Gesellschaft stellen.”

War das auch Ihr Beweggrund zu Finance Watch zu wechseln?

Von Anfang an habe ich Finance Watch unterstützt, da ich fest davon überzeugt war, dass wir so eine Organisation dringend brauchen. Schon damals im Juni 2011, als Finance Watch gegründet wurde, habe ich eng mit den ersten Gründungsmitgliedern zusammengearbeitet.

Ich fühle mich sehr geehrt, das Amt des Generalsekretärs von Finance Watch zu übernehmen. Es ist auch ein gewisser Stolz dabei, sich für eine Sache einzusetzen, an die ich fest glaube und die weit über meine persönlichen Interessen hinausgeht.

Kurz gesagt, ich bin ein ehemaliger Banker, der selbst im Finanzsektor gearbeitet hat und fest davon überzeugt ist, dass dieser Finanzsektor dringend Reformen nötig hat. Ich habe diesen Beruf sehr gerne ausgeübt und musste dann in den letzten 15 bis 20 Jahren mit ansehen, wie sich einiges in die falsche Richtung entwickelte. Daher möchte ich das Finanzwesen auf eine positive Art und Weise verändern. Wir müssen nicht zurück ins Mittelalter kehren, aber zu einem System, das vor nicht allzu langer Zeit gut funktioniert hat und auch wieder funktionieren könnte.

Wenn im Finanzwesen eine gewisse Ethik herrscht, wenn die richtigen Anreize bestehen und der Zeithorizont angemessen ist (d.h. nicht Unmengen Geld bis morgen früh machen, sondern vernünftige Geldsummen in einem vernünftigen Zeitrahmen), dann kann es ein wirkungsvolles Mittel für wirtschaftlichen Fortschritt sein.

Gerade weil mir das Finanzwesen so sehr am Herzen liegt, will ich dabei mithelfen, es wieder in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

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