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Wir brauchen ein anderes Finanzsystem, keine grünen Nischen

Das Projekt geht der Frage auf den Grund, wie das Finanzsystem aussehen würde, wenn BürgerInnen das Sagen hätten. Um das herauszufinden, müssten alle Interessengruppen zusammenarbeiten und

  • festlegen, was sich die Gesellschaft für ein Finanzsystem wünscht (Vision);
  • feststellen, ob das Finanzsystem diese Bedürfnisse erfüllt (Indikatoren);
  • das Finanzsystem ändern, damit es der Gesellschaft dient (Lösungen).

In diesem kurzen Blogartikel erfahren Sie, wie wir diese dreistufige Methodik des „Dashboard-Projekts” auf die Finanzierung von Klimaschutzzielen angewendet haben. Dabei ist die demokratische Legitimierung natürlich eine wichtige Voraussetzung: Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung im Vorfeld des Klimagipfels in Paris haben wir rund 25 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter namhafte Klimaschützer wie Greenpeace, WWF, 350.org, CAN, Friends of the Earth etc., zu einem ersten Workshop eingeladen.

Während der Gruppendiskussionen haben wir folgende „Dashboard”-Fragen angesprochen:

  • Welche Rolle spielt das Finanzsystem bei der Verwirklichung der Klimaschutzziele? (Rahmen und Akteure)
  • Können wir den Einfluss messen, insbesondere die Kapitalströme? (Daten und Indikatoren)
  • Wie kann das aktuelle Modell verändert werden, damit es eine klimafreundliche Wirtschaft fördert? (Aktionen und Lösungen)

Finance Watch Wir brauchen ein anderes Finanzsystem, keine grünen NischenWir haben dabei verschiedene Whiteboard-Zeichnungen angefertigt und die Diskussionsergebnisse so anschaulich und verständlich wie möglich in zwei Prezi-Präsentationen zusammengefasst: How the financial system supports a high carbon economy and what civil society can do about it und How a transformed financial system could support a low carbon economy.

Die wichtigste Schlussfolgerung des Workshops wardie Erkenntnis, dass die Finanzindustrie nur dann den Klimaschutzzielen dienlich sein kann, wenn ihr Geschäftsmodell grundlegend geändert wird. Ein paar Milliarden in klimafreundliche Technologien oder Ähnliches investieren, reicht bei weitem nicht aus. Alle teilnehmenden 17 zivilgesellschaftlichen Organisationen gaben daher eine gemeinsame Erklärung mit eben dieser Botschaft im Vorfeld des Pariser Klimagipfels ab.

Für eine Wende im Bereich des Klimaschutzes braucht es wahrlich mehr als „Divestment“ und einen Nischenmarkt für nachhaltigkeitsorientierte Kapitalanlagen. Vielmehr müsste grundlegend darüber nachgedacht werden, wie wirtschaftliche Aktivitäten anders ausgerichtet werden können, welche Art von Landwirtschaft, Transport, Wohn- und Lebensbedingungen etc. wir dazu bräuchten. Folglich sollte die Klimafinanzierung Teil einer wesentlich breiter angelegten Agenda für ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Finanzwesen werden, darin waren sich die Seminarteilnehmer einig.

Für die Schaffung eines Finanzsystems, das die Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaft unterstützt, ist es notwendig, die vielen Komponenten/Akteure in der langen Kette von Kapitalschaffung bis Kapitalbereitstellung näher zu betrachten. Dazu gehören Zentralbanken, öffentliche Haushalte, öffentliche Banken, Entwicklungsbanken, institutionelle Investoren, Investment- und Geschäftsbanken, Aktien-, Anleihen- und Derivatemärkte, Risikokapital etc. Auf der Nachfrageseite gibt es einerseits das etablierte Wirtschaftssystem, das enorm abhängig ist von fossilen Brennstoffen, und andererseits immer mehr Alternativen, die mit erneuerbaren Energien arbeiten. Diese Alternativmodelle sind meist anders strukturiert: kleinskaliger, dezentralisierter, lokaler und partizipativer.

Diese Erkenntnisse zeigen klar und deutlich, warum ein kompletter Systemwechselvonnöten ist, der über die absolut notwendige Desinvestierungsbewegung hinausgeht: Damit die Kapitalströme so umgeleitet werden, dass sie eine Wende unterstützen, muss das gesamte System der Kapitalallokation überdacht werden. Was das Angebot betrifft, so ist die schiere Menge des verfügbaren Kapitals bereits problematisch, wem es gehört (und wer davon profitiert) sowie die Risiken, die ein solcher Kapitalüberschuss für die Stabilität des Finanzsystems bedeuten. Finanzinstitutionen müssten rechenschaftspflichtig und transparent sein, damit sie bei der Erreichung der Klimaschutzziele mithelfen und ihr Beitrag überwacht werden kann. Die Teilnehmer des Workshops waren sich auch darin einig, dass die falschen Anreize für die Hauptakteure und ihr Einfluss auf das gesamte Finanzsystem und seine Regulierung (Lobbyeinfluss) wesentlich zu den Problemen beitragen und unbedingt etwas dagegen unternommen werden muss.

Alle Beteiligten waren von der Idee angetan, in diesem Bereich weiter zusammenzuarbeiten. Finance Watch hat in der Folge eine Arbeitsgruppe zum Thema „Nachhaltigkeit und Finanzwesen“ ins Leben gerufen, mit der zwei Ziele verfolgt werden: die Dashboard-Methodik auf Grundlage der Ergebnisse in den beiden Prezi-Präsentationen weiterzuentwickeln sowie die G20-Agenda in Hinblick auf grüne Finanzthemen im Auge zu behalten, wobei sich beide Ziele ergänzen.

Wer behauptet, dass der Öko-Nischenmarkt innerhalb eines ansonsten unveränderten Finanzsystems die Lösung ist, findet derzeit leicht Gehör – sowohl bei Politikern, die im Anschluss an den Klimagipfel schnelle Erfolge vorweisen möchten, als auch bei Finanzmaklern, die in der Klimafinanzierung eine hervorragende Einnahmequelle sehen. Umso wichtiger ist es, andere Wege als das Mainstream-Denken aufzuzeigen, bei denen es um strukturelle Veränderungen aus einer ganzheitlichen Gemeinwohlperspektive geht. Bislang haben sich viele zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich im Bereich des Klimaschutzes und des Finanzwesens engagieren, auf einen bestimmten Aspekt konzentriert, z.B. Divestment, grüne Anleihen oder ESG-Kriterien.

Inwieweit das Finanzsystem als Ganzes und seine Struktur Einfluss auf den Klimawandel haben, wurde bislang kaum untersucht. Ziel unserer Arbeitsgruppe zum Thema Nachhaltigkeit und Finanzwesen ist es daher, die irreführenden Begründungen und falschen Lösungsvorschläge zu entlarven. Dies ist Teil des systematischen und inklusiven Ansatzes, der für das „Citzens‘ Dashboard of Finance“ entwickelt wurde.

Wir hoffen, dass möglichst viele Gruppierungen und Personen unsere Arbeit unterstützen.

Was vor kurzem geschah:

Gemeinsam mit den Teilnehmern der Arbeitsgruppe und anderen haben wir am 15. Juni eine Veranstaltung im Europäischen Parlament mitorganisiert, bei der es um die Aufnahme von Nachhaltigkeitszielen in gesetzliche Vorschriften für Finanzinstitutionen ging. Die EU hat in diesem Bereich noch wenig Fortschritte gemacht. Umso größer war das Interesse der Teilnehmer, darunter EU-Abgeordnete der vier größten Fraktionen, ein weiteres Treffen zu veranstalten, bei dem es um die Ausarbeitung einer Strategie und eines konkreten Aktionsplanes gehen soll.

Außerdem ist Finance Watch seit kurzem der Green Economy Coalition (GEC) beigetreten, um unser Engagement für ein Finanzsystem, das einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung dient, auszuweiten. Wir freuen uns bereits auf die Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern.

Dies ist natürlich erst der Anfang. Wir werden Sie über die weiteren Entwicklungen in den kommenden Monaten auf dem Laufenden halten.

Ausführlichere Informationen erhalten Sie von Giulia PorinoReferentin Netzwerkkoordination und -entwicklung bei Finance Watch.

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