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Die Finanzwelt verstehen #3: Welche Art von Finanzmärkten brauchen wir?

Understanding Finance / Beginner's Guide

In diesem Multimedia-Dossier erfahren Sie, welche Aufgaben die Finanzmärkte haben und wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Im zweiten Teil entlarven wir dann eine Reihe von Mythen über Finanzmärkte, die von Finanzlobbyisten vorgebracht werden, und legen dar, warum Finance Watch sie für irreführend hält.

In den Lehrbüchern heißt es, Finanzmärkte sind dazu da, jenen Projekten Kapital zuzuführen, die wirtschaftlich sinnvoll (und idealerweise auch gesellschaftlich sowie ökologisch nachhaltig sind) und somit letztlich der Gesellschaft als Ganzer nützlichsind. Dergestalt sollten sie für unsere Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielen. Außerdem sind wir als Verbraucher auch direkt betroffen, sei es durch Ersparnisse auf der Bank, Pensionen oder Versicherungen.

TEIL 1 – Die Grundlagen

Was genau sind Finanzmärkte?

Etwas vereinfacht gesagt handelt es sich bei Finanzmärkten um Handelsplätze, auf denen verschiedene Akteure gemäß den Marktregeln Vermögenswerte (wie Aktien, Anleihen, Devisen, Derivate etc.) kaufen und verkaufen. Auf dem Finanzmarkt werden die Preise je nach Risiko und Ertrag einer Investition festgesetzt. An diesem Prozess kann man auf verschiedene Art und Weise teilhaben:

1. Der Emittent (Unternehmen, Staat…) versucht sich den Markt als Finanzierungsquelle zu erschließen. Er verkauft Wertpapiere, zum Beispiel Unternehmensanteile („Eigenkapital”) oder Verbindlichkeiten in Form von Anleihen („Fremdkapital”), möglichst an beständige Investoren, die sich langfristig engagieren wollen. Dem Emittenten stehen dann neue Finanzmittel zur Verfügung und er zahlt den Investoren im Gegenzug eine bestimmte Rendite aus, zum Beispiel in Form von Dividenden bei einer Aktie oder Zinsen bei einer Anleihe.

2. Der Investor (Einzelperson, Pensions- oder Investmentfonds, Staat, Unternehmen…) möchte sein Kapital investieren und für sich arbeiten lassen. Er sucht nach einer Rendite, die er angesichts der Risiken, die er mit der Investition eingeht, für angemessen hält. So kann beispielsweise das Risiko bestehen, dass der Emittent in Zahlungsschwierigkeiten gerät oder das Wertpapier aus einem bestimmten Grund nicht auf dem Sekundärmarkt weiterverkauft werden kann. Fondsmanager und andere institutionelle Investoren sind im Namen von Millionen normaler Bürger tätig, die z.B. fürs Rentenalter sparen und somit die wahren Endinvestoren sind.

3. Die Kette an Vermittlern (Banken, Broker, Marktmacher, Fondsmanager…) verbindet die Investoren an einem Ende mit den Emittenten am anderen Ende. Die Zwischenhändler tragen dazu bei, dass der Handel auf den Märkten reibungsloser abläuft, was den Investoren jedoch Zusatzkosten für die Transaktionen aufbürdet. Unter sonst gleichen Bedingungen kann man sagen: je mehr Mittlertätigkeiten, desto weniger Erträge für die Endinvestoren.

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Ein einfacher Finanzvermittlungsrahmen

Auf der einen Seite der Abbildung sehen Sie die Endgläubiger (auch Endsparer genannt). In dieser Gruppe befinden sich Haushalte mit ihren Ersparnissen und auch Investoren, die Vermögenswerte kaufen wollen (z.B. Konzerne, Pensionsfonds etc.). Auf der linken Seite sehen Sie die Endschuldner (z.B. Unternehmen und Finanzinstitutionen, die Anteile oder Aktien ausgeben, oder auch Haushalte, die Kredite aufnehmen). Finanzmärkte sind also alles das, was sich zwischen beiden Enden abspielt und wobei Finanzvermittler (Banker, Broker, Marktmacher, Fondsmanager…) eine zentrale Rolle spielen. So können beispielsweise die Ersparnisse eines Privathaushalts durch die Mittlertätigkeit einer traditionellen Bank als Investitionen oder Kredite oder mithilfe der Finanzmärkte als Aktien, Anleihen oder andere Investitionen genutzt werden.

„Vereinfachte Darstellung der Finanzvermittlung” (Quelle: IWF, Nachbildung: Finance Watch)

 


Eine gut funktionierende Infrastruktur ist leider noch kein Garant dafür, dass die Finanzmärkte auch effektiv sind. Das Verhalten der Marktteilnehmer ist ebenfalls ausschlaggebend dafür, welchen Nutzen Finanzmärkte für Gesellschaft und Realwirtschaft haben. Aus diesem Grund ist es einerseits wichtig, dass Politiker und Regulierungsbehörden Regeln festsetzen und Aufsichtsbehörden ihre Einhaltung sicherstellen, und andererseits sollten auch die Marktteilnehmer ihren eigenen ethischen Verhaltenskodex aufstellen und befolgen.

Dieses Video mit Tim Bennett von Money Week bietet eine gute Einführung in das Thema Finanzmärkte.

Welche Funktionen sollten Finanzmärkte erfüllen?

Oberstes Ziel der Finanzmärkte ist, Spareinlagen und Kapital für die produktivsten Wirtschaftsaktivitäten verfügbar zu machen.

Bei näherer Betrachtung erfüllen Finanzmärkte die folgenden drei Funktionen für die Realwirtschaft:

  • Ersparnisse/Investitionen verfügbar machen, Kapitalallokation: Auf den Primärmärkten werden finanzielle Vermögenswerte (Aktien, Anleihen, Derivate) ursprünglich geschaffen und ausgegeben. Hier findet Kapitaltransformation statt: Unternehmen oder Staaten verkaufen ihre neu ausgegebenen Aktien oder Anleihen an Investoren. Im Falle von Aktien geben Unternehmen sie das allererste Mal während eines IPO (Initial Public Offering; zu Deutsch: Börsengang) aus, und können in der Zukunft Folge- oder Bezugsrechtsemissionen machen, um noch mehr Anteile zu verkaufen (Wie genau IPOs funktionieren, erfahren Sie in diesem Whiteboard-Video von Paddy Hirsch, auf Englisch). Bei den Käufern handelt es sich in der Regel um institutionelle Investoren wie Investmentfonds.

  • Handel mit vorhandenen Vermögenswerten und Preisbildung: Wenn sie wollen, müssen Investoren ihre Investitionsentscheidung wieder rückgängig machen können. Aus diesem Grund werden Wertpapiere, die einst auf den Primärmärkten verkauft wurden, auf dem Sekundärmarkt gehandelt werden. Sekundärmärkte sind wesentlich größer als Primärmärkte. Wirtschaftlich gesehen schaffen sie zwar kein neues Kapital, jedoch erlauben sie es den Investoren, untereinander mit ihren Wertpapieren zu handeln, in den Markt ein- und wieder auszusteigen und für die gehandelten Papiere Preise festzusetzen. Das alles trägt zum Funktionieren des Primärmarkts bei.In der Theorie sollten sich in den Preisen die grundlegenden Werte von Finanzpapieren widerspiegeln. Dementsprechend sollten sie in Übereinstimmung sowohl mit dem Schicksal des Emittenten (Mikroönonomie, endogene Faktoren) als auch mit der Wirtschaftslage (Makroökonomie, exogene Faktoren) schwanken. Diese Preissignale sind es, die dabei helfen, Kapital produktiven Zwecken zuzuführen, beispielsweise in ein Unternehmen zu investieren, dem es gut geht, und umgekehrt. In Wirklichkeit haben sich Sekundärmärkte allerdings zu einer Spielwiese für Spekulanten entwickelt, die Preise haben teilweise kaum mehr etwas mit ihren zugrunde liegenden Werten zu tun und sind sehr anfällig für Blasen und Crashs. Mittlerweile gibt es eine reiche Auswahl an Literatur zu diesem Thema (zum Beispiel die Arbeit des Paul Woolley Centre for the Study of Capital Market Dysfunction an der London School of Economics).
  • Risikomanagement: Die dritte Funktion, die Finanzmärkte erfüllen, ist die Hilfe bei der Absicherung gegen Risiken, die in der Realwirtschaft und ihren finanziellen Aspekten auftreten können. Ein Bauunternehmen will sich beispielsweise gegen steigende Stahlpreise absichern, ein Rentenfonds gegen fallende Zinssätze. Spezielle Finanzinstrumente (vor allem Derivate) ermöglichen es den Marktteilnehmern, ihre vielfältigen Risiken (Kreditrisiko, Zinsänderungsrisiken…) auf jene Marktteilnehmer zu übertragen, die bereit sind, höhere Risiken einzugehen. Auf diesem Weg können Unternehmen Aktivitäten aufnehmen, was andernfalls vielleicht nicht möglich gewesen wäre.Es versteht sich von selbst, dass ein Risiko, selbst wenn es übertragen wird, weiterhin besteht. Das hat nicht zuletzt die Finanzkrise eindrücklich gezeigt. Die Tatsache, dass mehrere Derivate für einen zugrundeliegenden Risikowert ausgegeben und gehandelt werden können, macht sie außerdem zu idealen Spekulationsinstrumenten. So lässt sich auch erklären, weshalb insbesondere in den vergangenen Jahren viel mehr Derivate in Umlauf gebracht wurden, als es zugrundeliegende Vermögenswerte gibt: Der Nennwert ausstehender Derivate beträgt in etwa das Neunfache des weltweiten BIP, oder anders gesagt, es beträgt etwa 100.000 US Dollar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf dieser Erde.

“99% des Handels ist unnötig”

Warum Finanzmärkte heute vor allem den auf Gewinne spekulierenden Zwischenhändlern nützt, erklärt der Gründer der Vanguard Group, John Bogle, in einem kürzlich geführten Interview (MarketWatch, 1. August 2015): “Der Finanzsektor ist dazu da, um Unternehmen zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Wir tun das jährlich in einer Höhe von etwa $250 Milliarden mithilfe von Börseneinführungen und Zweitemissionen. Und was machen wir sonst noch? Wir halten Investoren dazu an, Handel in einer Höhe von rund $32 Billionen zu betreiben. Nach meiner Rechnung ergibt sich daraus, dass rund 99% von dem, was wir in der Finanzindustrie tun, einzig und allein aus dem Handel zwischen Händlern untereinander besteht, wovon nur der Mittelsmann profitiert. Es handelt sich um eine Verschwendung von Ressourcen.


Um diese genannten Funktionen erfüllen zu können, müssen Finanzmärkte folgende Eigenschaften haben:

  • Gerecht – Gleicher Zugang für alle Marktteilnehmer, Schutz vor missbräuchlichem Verhalten
  • Geregelt – Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage von Vermögenswerten, geringe Volatilität
  • Transparent – Öffentlich zugängliche Informationen über Verkaufs- und Kaufangebote (“Vorhandelstransparenz”) und abgewickelte Geschäfte („Nachhandelstransparenz”), inklusive Handelsvolumina und -preisen
  • Sicher – Durch Marktstrukturen und -prozesse gewährte Sicherheit der Transaktionen auf jeder Stufe: Handel, Clearing und Abwicklung
Geschichtliche Perspektive: Wie aus Investitionen Finanzwetten wurden

Traditionell bestand eine enge Verbindung zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft, dessen Aktivitäten durch erstere finanziert wurden. Seit Mitte der 1990er Jahre jedoch schwindet diese Bindung. Die Deregulierung der Aktien-, Anleihe und Derivatemärkte hat dazu geführt, dass immer mehr Kapital für kurzfristig ausgerichtete, spekulative Tätigkeiten genutzt wurde.

A) Falsche Anreize

Investieren und Spekulieren unterscheiden sich nicht allein durch ihren Zeithorizont. Stehen transparente Informationen in fairen Märkten zur Verfügung, dann entsteht durch die Investition eine Art Partnerschaft zwischen dem Unternehmen bzw. dem Empfänger der Finanzmittel und dem Investor, die sie in guten wie in schlechten Tagen aneinander bindet. So hängt auch die Rendite des Investors von realwirtschaftlichen Aktivitäten ab. Beide Parteien gewinnen und verlieren zusammen.

Spekulation demgegenüber ist ein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn eines Spekulanten auf der anderen Seite verloren geht und umgekehrt. Wenn wir Spekulation definieren als die Extrahierung von Gewinnen durch den An- und Verkauf von Vermögenswerten, dann benötigt sie sehr liquide Sekundärmärkte. Spekulation ist jedoch kein Nullsummenspiel mehr, sobald sie nicht mehr nur die beiden an der Transaktion beteiligten Parteien betrifft, sondern darüber hinaus durch nachteilige negative Auswirkungen zulasten der Gesamtgesellschaft geht.

In unserem kurzen Zeichentrickfilm erklären wir den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Preisbewegungen (Energie, Nahrungsmittel, etc.).

 

Bereits Keynes konstatierte, dass Märkte nur dann wirklich effizient darin sein könnten, Kapital produktiven Zwecken zukommen zu lassen, wenn der Großteil der Marktteilnehmer eine „Unternehmensperspektive” (wir sprechen in dem Fall von Investieren) anstelle einer „Spekulationsperspektive” einnimmt. Daher beschuldigt Keynes auch keineswegs gierige Individuen mit falschen Intentionen, im Jahr 1929 eine Finanzblase und die folgende Finanzkrise verursacht zu haben. Vielmehr verweist er auf die Strukturen der Finanzmärkte, die zu spekulativem Verhalten anstatt zu guter Kapitalallokation verleiten. Finanzmärkte brauchen „Unterstützung”, um ihre für die Realwirtschaft lebenswichtigen Funktionen erfüllen zu können. Ohne solche Rahmenbedingungen ist es nicht mehr lange, bis die nächste Finanzkrise durch das Platzen einer Spekulationsblase ausgelöst wird.

B) Verflechtung des Finanzsystems

Theoretisch muss eine Finanzblase nicht zwangsläufig Auswirkungen auf Akteure außerhalb der Blase haben, jedoch geschieht dies schnell, wenn Versicherungsunternehmen, Pensionskassen, Geschäfts- und Investmentbanken in die Blase verwickelt oder in irgendeiner Form von ihr betroffen sind. Und je weniger Transparenz herrscht und Informationen über bestimmte Finanzprodukte gegeben werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass giftige Papiere sich im ganzen Finanzsystem verbreiten. Aber auch gesunde Investitionen tragen dazu bei, dass das Finanzsystem weltweit immer verflochtener wird, da Preisbewegungen und Investitionsentscheidungen viele unterschiedliche Akteure gleichzeitig betreffen. Haben viele Banken ähnliche Investitionen getätigt, dann würde das im Fall von Risikopreisänderungen alle gleichzeitig treffen und folglich könnten gleichzeitig mehrere Institutionen in große finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Ein weiterer Faktor, der zur Vernetzung der Finanzinstitutionen beiträgt, ist die Tatsache, dass sich Banken nicht nur über Einlagen finanzieren, sondern sich gegenseitig Geld leihen oder dieses von anderen Akteuren wie Pensionsfonds, Vermögensverwalter, Hedgefonds etc. geliehen bekommen. Das „Wholesale Funding”, also die Refinanzierung der Banken über externe Quellen, also nicht über ihre Eigenmittel oder die Einlagen der Kunden, hat auch dazu beigetragen, dass Banken massiv ihre Handelsaktivitäten ausgebaut haben. Und sie konnten sich zu extrem niedrigen Zinssätzen refinanzieren, da die Gläubiger sicher sein konnten, dass man eine Bank mit Einlagensicherung und einem Handelsarm, der so groß ist, dass er schnell auch andere Banken mit in den Abgrund ziehen könnte, nicht einfach so Pleite gehen lässt. Das stellt auch für die Bankenaufsicht ein Problem dar: Während einer Finanzkrise werden die Aufsichtsbehörden die wichtigsten Gläubiger einer Großbank nicht ohne weiteres an den Verlusten beteiligen (man spricht auch von „Bail-In”), und zwar aus Angst, dass das Risiko auf andere Akteure des Finanzsystems übertragen wird. Wenn Sie mehr zu diesem Thema erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres Berichts „Europe’s banking trilemma“.

C) Übermäßig große Banken

Das schnelle Wachstum der Großbanken hat ebenfalls zum Ausbruch der Finanzkrise beigetragen. James Rickards fasste ihre Rolle wie folgt zusammen: “Die Kreditnehmer handelten leichtsinnig, die Ratingagenturen fahrlässig, die Broker waren gierig, die Kunden naiv, und die Regierung hat das ganze Fiasko in die Wege geleitet mit utopischen Wohnungsprogrammen und endlosen Kreditlinien bei Fannie Mae und Freddie Mac. Allein die Tatsache, dass viele Akteure beteiligt waren, sollte jedoch keinesfalls davon ablenken, dass die größte Verantwortung bei den größten Banken lag. Hätten sie den Hypothekenmaklern und den Institutionen der Wall Street keine Finanzmittel zur Verfügung gestellt, während sie sich gegen ihre eigenen Giftpapiere absicherten, wäre das gesamte Schneeballsystem wohl gar nicht in die Gänge gekommen.

Dies ist einer der Gründe, warum sich Finance Watch für eine Trennung der unterschiedlichen Aktivitäten unter dem Dach einer Bank einsetzt (mehr dazu erfahren Sie in unserem ersten Multimedia-Dossier „Die Finanzwelt verstehen #1 – Großbanken aufspalten?”).

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“Können wir mit den Finanzmärkten überhaupt noch mithalten?” TED-Talk über die Tatsache, dass wir Dinge schreiben, die wir nicht mehr lesen können.

Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Vorsitzender der US-Notenbank, beschrieb in seinem Buch “The Age of Turbulences” von 2007, wie schwer es ist, die modernen Finanzmärkte überhaupt noch im Griff zu haben: “Die Finanzmärkte sind zu groß, zu komplex und zu schnell geworden, als dass die Aufsicht und Regulierung im Stile des 20. Jahrhunderts mit ihnen mithalten könnte. Aufsichtsbehörden können weiterhin behaupten, sie würden beaufsichtigen, aber ihre Möglichkeiten sind immer weiter eingeschränkt.

In Ermangelung strenger Vorschriften begannen die Finanzmärkte damit, Codes und andere Dinge zu schreiben (zum Beispiel im Hochfrequenzhandel), die wir nicht mehr lesen können. Kevin Slavin hielt einen brillanten TED-Talk zu dem Thema.

 

Wie viel Liquidität brauchen wir wirklich?

Auf den Finanzmärkten spielt Liquidität eine zentrale Rolle. Aus Sicht der Investoren lässt sich Liquidität als die Möglichkeit beschreiben, um einen Vermögenswert in ihrem Portfolio in Geld oder gegen einen anderen Vermögenswert einzutauschen, ohne dabei viel Zeit zu verlieren oder von Preisbewegungen bestraft zu werden.

Aus Sicht der Spekulanten handelt es sich bei Liquidität vor allem um die Möglichkeit, Vermögenswerte aller Art so oft wie gewünscht kaufen oder verkaufen zu können, um aus Preisbewegungen Gewinn zu schlagen. Wenn die überwiegende Mehrheit der Handelsaktivitäten auf den Finanzmärkten spekulativer Natur ist, dann kann es passieren, dass die Liquidität schnell versiegt, weil jeder zur gleichen Zeit kaufen bzw. verkaufen will.

Wenn die Finanzmärkte zu sehr auf kurzfristige Liquidität bauen, dann sind sie sehr anfällig für plötzliches „Austrocken”, so wie es auf dem Markt für Interbankenkredite im Jahr 2008 geschah. Außerdem interessieren sich Investoren, denen es hauptsächlich um Liquidität geht, also darum, bei Kursverlusten schnell verkaufen zu können, nur wenig für die möglichen Risiken und Erträge eines Vermögenswertes, für seine Beschaffenheit und erst recht nicht für Sozial- und Umweltfaktoren, bevor sie ihn kaufen.

Nach Ansicht von Keynes ist es gerade die “Liquiditätsdoktrin”, die Investoren von ihrer gesellschaftlichen Aufgabe ablenkt, nämlich Kapital produktiven Zwecken zuzuführen. Er ging sogar noch weiter: Keine Maxime der orthodoxen Finanzlehre sei „antisozialer als der Fetisch der Liquidität” (mehr dazu in unserem Blogartikel „Liquidität – ein zweischneidiges Schwert“)


Hochfrequenzhandel

Das rasante Wachstum des Hochfrequenzhandels (HFT) ist ein weiteres Beispiel für neue Techniken und Marktstrategien, die eine Gefahr für die Fairness, Ordnung und Integrität der Finanzmärkte darstellen können. Beim Hochfrequenzhandel erlauben Algorithmen und High-Tech-Computer superschnelle Handelsstrategien durchzuführen. Inzwischen dominiert er in vielen Teilen der Finanzmärkte. Institutionelle Investoren nutzen Algorithmen um große Handelsgeschäfte verdeckt zu tätigen, während HFT-Firmen ihre Algorithmen darauf ausgerichtet haben, eben solche Handelsgeschäfte ausfindig zu machen und daraus Profit zu schlagen. Die Strategien der Hochfrequenzhändler können das Vertrauen der Investoren in die Märkte verletzten, nützliche Liquidität abzapfen und zudem das Risiko des Marktmissbrauchs erhöhen (mehr dazu in Teil 2 „Lobby-Mythen über Finanzmärkte”).

Hier geht es zu unserer Infographik zum Hochfrequenzhandel.

TEIL 2 – Die Debatte & Position von Finance Watch

Entlarvt: Lobby-Mythen über Finanzmärkte

Die Finanzindustrie scheut keine Mühen, durch ihre Lobbyarbeit geplante Gesetzesinitiativen, die ihren Eigeninteressen zuwiderlaufen könnten, so weit wie eben möglich abzuschwächen – und das teilweise durchaus mit Erfolg. Dabei bedienen sie sich einer Reihe von „Mythen”, die sie weiterverbreiten, um Politikern Angst einzujagen und dadurch letztlich laxere Finanzmarktvorschriften zu erwirken. Hier haben wir einige dieser Mythen entlarvt:

Finanzlobby: “Märkte sind von Natur aus effizient. Jeder Eingriff von außen sollte, so es eben möglich ist, auf ein Minimum beschränkt werden.”

Dieser Mythos steht ganz in der Tradition der Markteffizienzhypothese. Diese besagt, dass sich der Marktteilnehmer „rational” verhalte und dabei Nutzen maximiere. Die Kapitalallokation sei optimal, da der Preisformierungsmechanismus perfekt funktioniere. Folgt man diesem Gedankengang, würde jeder Eingriff von außen (durch Regierungen oder Regulierungsbehörden) Märkte darin beeinträchtigen, ihren Zweck zu erfüllen. Daher rührt auch der Glaube an die Fähigkeit des Marktes zur Selbstregulierung.

Der Glaube an die Effizienz der Märkte hatte maßgeblichen Einfluss auf die Regulierungsmaßnahmen der vergangenen 30 Jahre. Gesetzgebungsinitiativen zielten darauf ab, die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern, indem sie gleiche Bedingungen für alle schaffen wollten. Dabei stützte man sich auf die Annahme, dass mehr Wettbewerb zwischen Akteuren, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen, letztlich auch den Markt effizienter machen würde und somit der Gemeinschaft insgesamt von Nutzen sei.

Allerdings, wie sich spätestens bei der Finanzkrise herausstellte, tendieren die Markteilnehmer dazu, auf der Basis von Vermögenspreisen kurzfristig eine maximale Rendite erzielen zu wollen, anstatt eine langfristige Anlagestrategie zu verfolgen, die auf die künftigen Erträge eines Vermögenswertes baut. Das ist der Beweis dafür, dass sich die Marktteilnehmer nicht von Natur aus rational und nutzenmaximierend verhalten, indem sie nach Preisen suchen, die den tatsächlichen Wert wiederspiegeln. Ganz im Gegenteil, und das wissen auch alle Finanzmarktprofis, verhalten sich viele Marktteilnehmer vielfach irrational (getrieben von Angst, Gier, Herdentrieben etc.). Nur sehr wenige können der Versuchung widerstehen, aus einer Preisdifferenz Profit zu schlagen, selbst wenn der Preis nicht den eigentlichen Wert des gehandelten Papiers widerspiegelt.

Finanzmarktdaten legen nahe, dass der Sektor in den vergangenen Jahren sogar ineffizienter geworden ist. Eine Studie zu den Stückkosten bei finanziellen Mittlertätigkeiten (grob gesagt, der Wert der Finanzanlagevermögen geteilt durch den Anteil des Finanzsektors am BIP) zeigt, dass sie heute höher liegen als in den 1990er Jahren, und nicht etwa niedriger. Das scheint erstaunlich angesichts der vielen Finanzinnovationen und den Behauptungen, dass marktgestützte Finanzierungsformen effizienter seien, die seitdem in Umlauf gekommen sind.

Finanzlobby: “Hochfrequenzhandel erhöht die Liquidität der Märkte”.

Der Hochfrequenzhandel schafft zwar Handelsvolumen, nicht jedoch Liquidität. Entweder werden Trendfolgestrategien verfolgt, die Volumen generieren, aber Liquidität verringern, wie es sich an den Auswirkungen auf den Markt nachweisen lässt, oder aber sogenannte „liquiditätsschaffende” Handelsstrategien, die Liquiditätsrabatte (= kleiner Betrag, den die Börsen für Orderströme zahlen) sammeln. In Wirklichkeit schafft diese Strategie jedoch keine neue Liquidität, da die Handelspositionen nur eine geringe Tiefe und Dauer (Millisekunden!) aufweisen. Echte Investoren haben so keine Chance, große Mengen zu handeln, wenn nötig. Der Hochfrequenzhandel entzieht den Märkten sogar Liquidität, da die Hochfrequenzhändler mit den wirklichen Anlegern in Konkurrenz treten, sobald letztere eine Transaktion ausführen wollen. Die „passiven” Angebote der HFT-Händler sind nämlich meist gar nicht mehr vorhanden, wenn der echte Investor auf sie eingehen will. Der Hochfrequenzhandel gefährdet auf diesem Weg der Fairness, Ordnung und Integrität der Finanzmärkte. Weitere kritische Kommentare zum Hochfrequenzhandel finden sich u.a. auf dem Zero Hedge Blog (auf Englisch).

Finanzlobby: “Finanzialisierung bringt immer auch wirtschaftliches Wachstum mit sich”

Der Finanzsektor spielt in den Wirtschaftssystemen der Industrienationen eine zunehmend große Rolle, insbesondere seit der Deregulierungswelle, die in den 1980er Jahren begann. Ist diese sogenannte Finanzialisierung denn immer zuträglich zum Wirtschaftswachstum gewesen? Der IWF sagte dazu kürzlich: “Unsere Analyse hat ergeben, dass es durchaus einen zu großen Finanzsektor geben kann, und zwar insofern, dass die Entwicklung des Finanzsektors ab einem bestimmten Punkt keinen positiven Effekt mehr auf das Wachstum hat. Vielmehr beginnen dann die Kosten durch die wirtschaftliche und finanzielle Volatilität zu wachsen.” Hat die private Kreditaufnahme im Verhältnis zum BIP ein hohes Ausmaß angenommen („Vertiefung der Finanzmärkte”), dann führt eine größere Ausweitung des Finanzsektors zu geringerem Wachstum. Die Forscher des IWF sprechen von einem „Verflüchtigungseffekt bei der Vertiefung der Finanzmärkte“.

Auszug unseres Comics “Basel 3: Die Rückkehr der Bankregulierer“:

 

Auch wenn ein übermäßig entwickelter Finanzsektor im Allgemeinen eine Last für die Wirtschaft ist, können bestimmte Formen der Kreditvergabe durchaus zu Wachstum beitragen. Die Kreditvergabe durch Banken zu Unternehmen der Realwirtschaft trägt positiv zum Wachstum bei. Es hat einen produktiveren Nutzen als beispielsweise die Kreditvergabe an Finanzfirmen oder im Bereich des Immobilienmarktes. Das Problem ist nun, dass die größten Banken in der EU sich hauptsächlich auf Aktivitäten konzentrieren, die wenig mit der Kreditvergabe an die Realwirtschaft zu tun haben, sondern vor allem den Handel mit Wertpapieren betreffen oder eben die Kreditvergabe an weniger produktive Sektoren wie den Immobiliensektor.

Im November 2014 organisierte Finance Watch eine Veranstaltung zum Thema “What finance for what growth?” (Transkript und Factsheet hier erhältlich).

Die Sicht von Finance Watch : Investieren, nicht Spekulieren

Die jüngste (Re-)Regulierungswelle in den USA und der EU wird nur dann sinnvolle Veränderungen im Finanzsystem hervorbringen, wenn die Prozesse und Bedingungen, unter denen Marktteilnehmer ihre Entscheidungen treffen, richtig verstanden und realistisch betrachtet werden. Die vergangenen 30 Jahre – und insbesondere die letzten 15 Jahren – haben klar gezeigt, dass das Prinzip der Selbstregulierung auf den Aktien-, Anleihe- und Derivatemärkten nicht zwangsläufig Finanzstabilität oder einen Nutzen für die Gesellschaft bringt.

Dieses System selbstregulierender Märkte, die derart gestaltet sind, dass sie den Wettbewerb zwischen den Akteuren fördern, hat vielmehr dazu geführt, dass die Marktmacht sich in wenigen Händen konzentriert, es hat komplexe Ad-Hoc-Marktstrukturen hervorgebracht und damit letztlich zu Deregulierung geführt. Diesen Entwicklungen müssen die Gesetzgeber und Regulierungsbehörden entgegenwirken, wenn sie wieder Stabilität und Fairness auf den Finanzmärkten etablieren wollen. Und eines sollten sie dabei nicht vergessen: Die Märkte müssen sich den Vorschriften anpassen, und nicht umgekehrt. Ohne strenge Regeln können sich schlechte Praktiken schnell verbreiten, so wie es die Subprime-Krise gezeigt hat.

Viele Gesetzgeber haben erkannt, wie wichtig es in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ist, Kapital weg von kurzfristigen und oft spekulativ ausgerichteten Strategien hin zu langfristigen Wirtschaftsinvestitionen zu lenken. Denen, die von den kurzfristigen Handelsstrategien profitiert haben, fällt diese Neuausrichtung selbstverständlich schwer. Das versteht sich von selbst. Auf lange Sicht jedoch können sich die Geschäftsmodelle dieser neuen Realität anpassen und dann auch wieder nützlich für alle Beteiligten sein.

Denn wir sollten stets im Hinterkopf haben, dass der oberste Zweck von Finanzmärkten die Kapitalallokation ist und die Kosten ihrer Vermittlungstätigkeit sich nur so lange rechtfertigen lassen, wie sie der Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzer dienlich sind. Finance Watch ist davon überzeugt, dass die politischen Entscheidungsträger sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen sollten, ob Finanzmarktaktivitäten, die nicht kundenbezogen sind und auch kein Kapital produktiven Zwecken zuführen, grundsätzlich sinnvoll und nützlich sind. Wenn Sie mehr zu diesen Themen erfahren wollen, empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres Positionspapiers zur EU-Finanzmarktrichtlinie (MiFID II), das 2012 unter dem Titel “Investing, not betting” erschienen ist.

Durch ein Umschwenken von kurzfristigen Wettstrategien zu langfristigen Investitionen könnte das Finanzsystem der Realwirtschaft und der Gesamtgesellschaft wieder mehr Nutzen bringen. Leider fördert die neue EU-Initiative zur Bildung einer Kapitalmarktunion erneut eher kurzfristiges Wachstum anstelle von langfristiger Finanzierung. Wir haben kürzlich ein ausführliches Positionspapier und auch einen humoristischen Cartoon dazu veröffentlicht.

Pictures:

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