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Aus der Geschichte lernen V: Trennbankensysteme (3/3) – Warum es in Europa keinen Glass-Steagall Act gab

Die Krise von 1929 begann in den Vereinigten Staaten. Allerdings breitete sie sich, wie auch bei der Finanzkrise in 2008, rasch auf den Rest der Welt aus. Im Jahr 1931 ging die größte österreichische Bank, die Creditanstalt, bankrott. In Deutschland meldete die Darmstädter Bank in Konkurs an. Die Wirtschaftskrise, die in den 1930er Jahren folgte, traf Europa genauso hart wie die Vereinigten Staaten.

Es dauerte ein paar Jahre, bis die Politik reagierte. Unter dem neu gewählten Präsidenten Roosevelt verabschiedete der US-Kongress im Jahre 1933 den „Banking Act“, der auch unter dem Namen „Glass-Steagall Act“ bekannt ist, um die Investment- und Geschäftsbanken voneinander zu trennen (siehe vorheriger Blogartikel). Auf der anderen Seite des Atlantiks waren sich die europäischen Politiker sehr wohl darüber im Klaren, dass eine Strukturreform des Bankensystems notwendig war. Dennoch hat Europa nicht den gleichen Weg wie die Vereinigten Staaten eingeschlagen. Ist dies der Beweis dafür, dass es in Europa eine Tradition des Universalbankenmodells gab, wie die Banken auch heute noch argumentieren? Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass Europa an diesem Modell so lange festhält?

Das deutsche Modell

Damals wie heute war London das Finanzzentrum der Welt. Die dortige Bankenkultur war jedoch eine völlig andere als in Kontinentaleuropa. Bis 1945 haben die Vereinigten Staaten immer wieder versucht, das britische Bankenmodell nachzuahmen. Es gab also zwei verschiedene Bankenmodelle im 20. Jahrhundert: das angelsächsische und das kontinentaleuropäische. Um das letztere zu verstehen, war ein Blick nach Deutschland nötig.

Auf dem Kontinent hatten die französischen Banken über lange Zeit eine führende Rolle in der Finanzindustrie inne. Als es im Jahr 1870 jedoch zur deutschen Einheit kam, waren die Politiker davon überzeugt, dass ein starkes deutsches Bankgewerbe der Grundstein für die wirtschaftliche Vereinigung der neuen Nation war. In einem erstaunlichen Tempo entwickelten sich vier internationale Großbanken. Man nannte sie die “D-Banken”: die Deutsche Bank, die Disconto-Gesellschaft, die Dresdner Bank sowie die Darmstädter und Nationalbank. Im Jahre 1874, nur vier Jahre nach ihrer Gründung, eröffnete die florierende Deutsche Bank neue Büros in London, New York, Paris, Shanghai und Yokohama.

Die deutschen Banken perfektionierten das traditionell französische System und wuchsen an der Seite großer Industrieunternehmen. So war einer der ersten Manager der Deutschen Bank, Goerg Siemens, verwandt mit dem Gründer von Siemens. Diese Nähe war und ist die Besonderheit der deutschen Banken, selbst wenn einige später auch ihre amerikanischen Kontrahenten kopierten, indem sie während der 1990er und 2000er Jahre ihre Handelsaktivitäten stark ausbauten.

Aber kehren wir zurück in die Zwischenkriegszeit. Es war klar, dass allein Deutschland und nicht etwa Frankreich eine Alternative zum englischen Modell darstellte. Einige europäische Länder haben tatsächlich ihre Investment- und Geschäftsbanken voneinander getrennt. So wurde 1933/34 in Belgien ein Gesetz erlassen, dass dem Glass-Steagall Act stark ähnelte. Die belgischen “banques de dépôts” durften daraufhin nur noch kurzfristige Kredite (mit weniger als zwei Jahren Laufzeit) gewähren. Aber das Schicksal des Universalbankenmodells in Europa lag in deutschen Händen.

Unklares Verhältnis der Nationalsozialisten zu den Banken

1933 war das große Jahr für Bankenreformen nach der Krise von 1929, dasselbe Jahr also, in dem Hitler an die Macht kam. Die Nazis sahen sich also sofort mit großen Finanzfragen konfrontiert. Ideologisch gesehen waren die Nationalsozialisten stark antikapitalistisch geprägt. Große internationale Banken wurden mit Wahnvorstellungen von der kapitalistischen bzw. jüdischen Herrschaft über die deutsche Nation assoziiert. Allerdings hatte die Industrieplanung für die Nationalsozialisten oberste Priorität. Zur Aufrüstung wurden Unmengen an Kapital benötigt. So kam es, dass die Banken eine zentrale Rolle in der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches spielen sollten. Sie standen allerdings immer noch unter dem Schock der Hyperinflation in der Zwischenkriegszeit, gefolgt vom Crash im Jahre 1929. Die Finanzsektor befand sich in einem schlechten Zustand.

Anstatt die großen und bereits fragilen Banken aufzuspalten, so wie es der ursprüngliche Plan war, entschlossen sich die NS-Behörden dazu, mit ihrer Hilfe Staatsanleihen zu platzieren und den Staat zu finanzieren. Wegen der zunehmenden Isolierung des deutschen Finanzmarktes waren die Banken in den 1930er Jahren mehrfach nicht in der Lage, Käufer für Anleihen zu finden, und so sahen sich die Großbanken gezwungen, die Anleihen selbst zu erwerben. Es dauerte nicht lange, bis die Nazis begriffen, wie sie die Banken zu ihrem eigenen Vorteil nutzen konnten.

In den späten 1990er Jahren, als enthüllt wurde, inwieweit die deutschen Banken in das NS-Regime verstrickt waren, sah sich die Deutsche Bank veranlasst, unabhängigen Historikern Zugang zu ihren Archiven zu verschaffen (siehe u.a. Historisches Institut der Deutschen Bank). Darunter fand sich Professor Harold James, der im Jahr 2003 das Buch „Die Deutsche Bank im Dritten Reich“ veröffentlichte. Das Buch zeigt, dass die großen Banken ihre politische Macht unter anderem dadurch gesichert hatten, dass sie sich an der Enteignung der Juden beteiligten. Der Prozess wurde als “Arisierung der Wirtschaft” bezeichnet. Es begann mit der Entlassung jüdischer Direktoren, auch kleinste Details wurden neu geregelt, so kürzte man beispielsweise jüdischen Angestellten, die sich bereits im Ruhestand befanden, nachträglich die Rente. Später folgte dann die systematische Enteignung jüdischer Besitztümer, was Harold James als einen “Wirtschaftskrieg der Nazis gegen die Juden” bezeichnete.

Eine Universalbankenkultur?

Banken sind sehr mächtige politische Akteure. Wichtige Reformen können nur in bestimmten Zeiten erlassen werden, wenn sich im politischen Kontext gerade eine Gelegenheit dafür bietet. In den 1930er Jahren verpasste Europa seine Chance, die sich nach der Krise von 1929 bot, weil man zu sehr mit anderen dringenden politischen Fragen beschäftigt war. Was wir hier aus der Geschichte lernen können: Es liegt nicht an einer unveränderlichen europäischen „Bankenkultur“, weshalb Strukturreformen im Bankensektor nicht in Angriff genommen werden, sondern vielmehr an den pragmatischen Entscheidungen von Regierungen, die sie in Reaktion auf die tagespolitischen Umstände treffen.

Im Jahr 1933 hätte es sehr gut sein können, dass auch Kontinentaleuropa eine Art Glass-Steagall Act einführt, wenn nicht ein aufstrebendes totalitäres Regime und weitere Ereignisse dazwischen gekommen wären, die letztlich zum Zweiten Weltkrieg führten.

Fabien Hassan

Wenn Sie wissen wollen, was Finance Watch vom Trennbankensystem hält, klicken Sie hier.

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